Foto: von Mr. J.Z unter Creative Commons Lizenz
1. Immer wieder werden Sportler oder Sportfunktionäre dazu aufgefordert, zur Menschenrechtslage in China Stellung zu beziehen. Sollten sich Sportler in die Politik eines Landes einmischen?
„Sportler sind keine Politiker. Man darf von ihnen nicht verlangen, Dinge anzusprechen oder zu bewegen, die Politiker selbst nicht bewegen können. Wenn Sportler in China öffentlich politische Probleme ansprechen, erreichen sie damit nur eine Verhärtung der Chinesen. Wenn sie zum Beispiel eine Tibet-Flagge ausrollen, verschärft die chinesische Regierung beim nächsten Auftritt die Sicherheitsbestimmungen, und das war’s.“
2. Ist die Hoffnung auf eine politische Öffnung und mehr Menschenrechte durch die vielen ausländischen Journalisten und Besucher in China während der Olympiade begründet?
„China braucht keine Olympiade, um sich zu öffnen. Das Land öffnet sich von allein. Ich glaube kaum, dass ausländische Journalisten und Besucher, die nur für ein paar Wochen im Land sind, die chinesische Menschenrechtslage und Medienpolitik verändern. Natürlich ist anzunehmen, dass die Journalisten neben den Sportereignissen auch über negative Dinge berichten werden. Dass die Chinesen darauf kritisch reagieren, halte ich für normal. Denn sie wollen während der Olympischen Spiele ihr Land im besten Licht zeigen. Darüber hinaus wissen sie selbst, was in ihrem Land schief läuft, und brauchen keine Journalisten, die es ihnen sagen. Vor allem dann nicht, wenn es sich um Sportjournalisten handelt, die sich sonst ja auch sonst nicht mit politischen Analysen befassen.“
3. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Terror-Anschlags oder einer politischen Demonstration während der Spiele?
„Die Gefahr ist nicht größer als irgendwo sonst auf der Welt. Damit muss man immer rechnen. Für die Regierung in Peking steht Sicherheit an erster Stelle. Wir haben im Vorfeld gesehen, dass einige Gruppen wie die Tibeter die erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien zu nutzen wussten. Die Horrorvision der Chinesen ist natürlich ein tibetischer Mönch, der sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor den laufenden Kameras westlicher Journalisten verbrennt. Solche Szenen will die Regierung in Peking unbedingt vermeiden.“
4. In der Vergangenheit hat der Empfang des Dalai Lama durch deutsche Politiker das deutsch-chinesische Verhältnis belastet. Im Oktober will das Oberhaupt der Tibeter wieder nach Deutschland kommen. Welche Empfehlung geben Sie unseren Politikern?
„Man kann den Dalai Lama als Religionsführer empfangen, aber nicht als politischen Führer. Das heißt: Ein Gespräch sollte im privaten Rahmen stattfinden, nicht im Bundeskanzleramt, und möglichst ohne Kameras. Ein offizieller Empfang wird von den Chinesen als Politik des erhobenen Zeigefingers verstanden, als der Versuch, China rhetorisch an den Pranger zu stellen. Das bringt nichts, weil sich die Chinesen dann geschulmeistert fühlen.“
5. Sollte man Themen wie Menschenrechte überhaupt ansprechen?
„Auf jeden Fall. Aber man muss die Chinesen dort abholen, wo sie eigene Interessen haben. Ihr größtes Interesse ist die Stabilität des Landes und die Legitimität der Regierung. Wenn man also argumentiert, dass eine Verbesserung der Menschenrechtslage zur Stabilität beiträgt, findet man offene Ohren. Wenn die Menschenrechte zum Beispiel zu stark einschränkt werden, greifen die Menschen zur Gewalt, oder sie landen in den Armen von Extremisten. Das ist von Peking sicher nicht gewollt.“
6. Auch deutsche Unternehmen, die in China Geschäfte machen, werden deshalb von Menschenrechtsorganisationen kritisiert...
„Das halte ich für weltfremd. Denn Unternehmen sind dazu da, Geschäfte zu machen. Davon profitieren auch die Menschen hierzulande, denn viele Arbeitsplätze hängen von der Nachfrage aus China ab. Darüber hinaus können die Firmen einen Beitrag zur Verbesserung der Menschenrechtslage leisten, etwa indem sie dort Arbeitsplätze zu menschenwürdigen Konditionen schaffen. So können sie zum Beispiel durch die Einführung von Unfallschutzbestimmungen oder Krankenversicherungen zum Vorbild für chinesische Firmen werden. Die Daimler AG hat in Südafrika vorgemacht, wie das geht.“
Das Interview führte Annette Kaiser.

