Seit dem 11. September 2001 werden in den USA verschiedene Strategien zur Bekämpfung des globalen Terrorismus ausgearbeitet. Zur Zeit wird mit aller Spannung beobachtet, wie der Kampf gegen den Terror nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen fortgeführt wird.
Bei einem Expertengespräch des Körber-Zentrums zum Thema: "Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus in Russland, im Westen und in der islamischen Welt", stellte Dr. Alexander Alexiev, langjähriger amerikanischer Islam- und Terrorismusexperte des US-Center for Security Policy, Washington, seine Ideen vor:
- Es existiert eine einheitliche extremistisch-islamistische Ideologie;
- Alle Terrorgruppen ordnen sich dieser Ideologie unter;
- Terror verursacht Armut in islamischen Ländern;
- Militärische Einsätze sind kein geeignetes Mittel zur Terrorbekämpfung;
- Der Kampf gegen den Terror muß ideologisch geführt werden
Eines der Hauptprobleme beim Kampf gegen den Terrorismus bildet die Fixierung auf die Vernichtung der Organisation Al- Qaeda und ihrer Führer. Die terroristischen Aktionen, wie die blutige Geiselnahme von unschuldigen Kindern in Beslan oder die hinterhältigen Bombenanschläge von Madrid, wurden von unterschiedlichen Gruppierungen verübt, jedoch gehorchen diese einer einheitlich verbindenden islamistischen Ideologie. Das Raster dieser Ideologie ist, intolerant, antisäkular und gewaltverherrlichend. Hauptziel bei der Bekämpfung des globalen Terrorismus muß deshalb die Zurückdrängung der ideologischen Grundlagen des extremistischen Islamismus sein.
So scheint die US-amerikanische Administration einen Fehler zu begehen, wenn sie der militärischen Lösung des Problems alleinige Priorität einräumt. Der Ansatz ist kontraproduktiv, da dieser auf tiefes Unverständnis in der islamischen Bevölkerung stößt und nur den Haß schürt.
Hierdurch hervorgerufene Feindseligkeiten bereiten nicht nur moderaten islamischen Staaten, wie Ägypten und Pakistan, politische Probleme, sondern führen auch zu zunehmender Unterstützung pro-islamistischer Parteien im Westen. So wählten in Frankreich bei den Kommunalwahlen zweidrittel der muslimischen Bevölkerung islamische Parteien.
Wie kann der extremistisch-islamistischen Ideologie der Nährboden entzogen werden?
Dazu wurden einige Lösungsvorschläge aufgezeigt. Bedeutend in dieser Hinsicht ist die politische Einflussnahme auf die verbündeten muslimischen Staaten der USA, wie Pakistan, Saudi-Arabien, Sudan und Nigeria. In diesen Staaten sollte die Einsicht unterstützt werden, die der Bevölkerung aufgezwungene Rechtsordnung der Scharia abzuschaffen. Anstelle der Scharia müssen sich Bildung, Menschenrechte und die Zurückdrängung des islamischen Extremismus zu gesellschaftstragenden Elementen entwickeln. Besonders wichtig ist die Entmystifizierung der Selbsttötung bei Anschlägen, die keinerlei Grundlagen in der islamischen Religion besitzt.
Welchen Ausweg gibt es aus diesem Teufelskreis? Eine mögliche Lösung wurde in Marokko und Ägypten demonstriert. Dort haben die einheimischen Frauen durch Protestaktionen bewiesen, daß die Scharia und der Koran keinesfalls identisch sind bzw. sich gegenseitig bedingen.
Dr. Alexiev trat entschieden dem Argument entgegen, Armut produziere Terrorismus. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. Terror verursacht Armut. Verdeutlicht wurde dies am Beispiel Pakistans, ein Land, welches sich bis in die 70er Jahre besser als Indien entwickelt hatte. Zahlreiche terroristische Anschläge führten aber zum Rückzug ausländischer Investoren, zum wirtschaftlichen Rückfall. Die Islamisierung Pakistans ist somit die Hauptursache für die katastrophale Wirtschaftssituation des Landes heute.
Tatsächlich würde ein Großteil der terroristischen Aktionen durch Angehörige der Mittel- und Oberschicht verübt. Deutlich werde dies durch die Untersuchung von Häftlingsinsassen in Guantanamo, von denen genau 400 diesen Schichten angehören. Somit werde die These, der Islamismus sei eine eigenständige Ideologie, unterstützt. Ebenso wie der Marxismus seinen Ursprung nicht im Arbeitermilieu hatte, genauso wenig entstamme der Islamismus aus den Breiten der Bevölkerung. Zusätzlich wurde angeführt, daß der Islam bis ins Mittelalter toleranter war als das Christentum. Die starke Anfälligkeit des Islam für extremistische Tendenzen rührt von einem islamischen Gesellschaftsideal, welches noch aus dem 7. Jahrhundert stammt und heute völlig weltfremd erscheint.
Weitere Fragen wurden zur Problematik Tschetscheniens gestellt. Hier interessierte besonders, ob es sich in Tschetschenien um Aktivitäten des internationalen Terrorismus handele?
Nach Meinung von Dr. Alexiev weise diese Region eine gemischte Situation auf. Fakt sei, daß Muslime aus Saudi-Arabien mit Beginn der Perestroika 1985/ 86 in der Nachbarrepublik Dagestan eine aktive Missionarstätigkeit aufnahmen. Betonung fand an dieser Stelle die Zughörigkeit des tschetschenischen Volkes zur moderaten Ausrichtung des Islam, dem Suffismus. Durch den Kollaps der Sowjetunion drang das aggressive Wahabitentum in den Kaukasus ein und wurde so Teil des Widerstands der Tschetschenen. Als Vertreter dieser konvertierten Führer wurden Bassajew, Barajew und andere genannt.
Nach dem Ende des ersten Tschetschenienkrieges wurde das Geschehen immer stärker von den Wahabiten geprägt. Es kam zur Etablierung eines Scharia- Regimes im Kaukasus. Entführungen für Lösegeld von Einheimischen und Ausländern wurden zum einträglichen Geschäft der neuen "Machthaber".
Zugleich unterstrich Herr Dr. Alexiev, daß Maschadow nie Teil des neuen Wahabiten-Regimes gewesen ist. Im Ergebnis der jahrelangen kriegerischen Handlungen wurde das tolerante Suffitum im Kaukasus zerstört, was sich auf Russlands Integrationspolitik kontraproduktiv auswirkte.
Eine weitere Frage bezog sich auf die Möglichkeit einer Lösung des Terrorismusproblems durch einen präemptiven militärischen Einsatz. Als Antwort wurde hier eine Parallele zu dem Einsatz sowjetischer Truppen in Afghanistan gezogen, deren Niederlage auf die direkte Bekämpfung der Bevölkerung zurückzuführen ist. Aus diesem Grund sind präemptive Einsätze keine realistische Option. Allerdings trete Präsident Bush der Politik des russischen Präsidenten Putin nicht entgegen.
Das entscheidende Problem im Kaukasus sowie in Zentralasien bleibt die Etablierung islamistischer Ideen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.
Zum Schluss trat Dr. Alexiev der im Westen vorherrschenden Ansicht entgegen, der Islamismus würde in den betreffenden Ländern breite Unterstützung genießen. Einer Meinungsumfrage zufolge, würden 70% der Araber ins Ausland emigrieren, 60% davon in die USA. Die Auseinandersetzung mit dem Islamismus liegt daher im Interesse der islamischen Bevölkerung, da nur so ein zivilisiertes Leben in Wohlstand erreicht werden kann. Man solle auch beachten, daß der Islamismus seine meisten Opfer inder islamischen Welt fordert.
Protokollant: André Walther