Die Energiesicherheit zwischen Russland und Europa war Thema eines Vortrags von Dr. Walerij Jasew, stellvertretender Vorsitzender der Duma und Präsident der Vereinigung »Russische Gasgesellschaft«, am 30. Januar 2008 im Hotel Adlon. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der DGAP und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft präsentiert.
Die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung wurde durch Dr. Tessen von Heydebreck eröffnet. Im Anschluss daran unterstrich der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Kotenew, die besondere Rolle Russlands für den Deutschen Energiebedarf im Allgemeinen und die North Stream Pipeline im Besonderen. Botschafter Kotenew bedauerte, dass die deutschen Massenmedien die russisch-deutsche Zusammenarbeit im Energiesektor nicht schätzten. Im Gegensatz zu den Geschäftsleuten, die ihrerseits sehr gut begriffen, dass Öl und Gas sich als Waffe nicht eigneten. Auf den Vorwurf, dass Russland seinen Energiemarkt abschotte, entgegnete er, dass eine ganze Reihe großer internationaler Konzerne große Anteile im russischen Energiesektor bereits erworben hätten. In diesem Zusammenhang bedauerte Botschafter Kotenew auch die negative Meinung, die deutsche Massenmedien von russischen Investitionen hätten, obwohl die Summe der russischen Investitionen in Deutschland 20-mal niedriger sei als die Summe der deutschen Investitionen in Russland. Ängste, dass Russland die Einnahmen aus seinen Stabilitätsfonds für Käufe von Anteilen ausländischer Firmen benutzen könnten, sah er als unbegründet an. Anders als die möglichen russischen Investitionen in Deutschland würde die schlechte Stimmung, die durch Panikmache vor russischen Investoren verbreitet würde, die Wirtschaftsindizes drücken und Arbeitsplätze vernichten.
Im Anschluss an die Einführung von Botschafter Kotenew betonte Dr. Jasew in seinem Vortrag die herausragende Rolle Russlands auf dem globalen Energiemarkt. Zudem unterstrich er, dass die Versorgungssicherheit Europas durch russisches Gas gewährleistet sei. Im Einzelnen hob er hervor, dass es kein Problem für russischen Gasnachschub gäbe, da die Gasreserven jährlich wüchsen und die Höhe der Gasproduktion sogar überstiegen. Als Beispiel führte er das Gebiet der Halbinsel Jamal an, auf der 10 Mrd. m3 Gasreserven nachgewiesen worden seien. Zur Verdeutlichung der Größenordnung führte Dr. Jasew aus, dass mit den 3,7 Mrd. m3 nachgewiesenen Gases im Schtokman-Feld der Gasverbrauch Deutschlands (90 Mio. m3/Jahr) über 40 Jahre lang gesichert werden könnte. Unter Beibehaltung der aktuellen Fördermenge, so Dr. Jasew, reichten die russischen Gasreserven noch 75 Jahre.
Dr. Jasew verdeutlichte außerdem den großen Anteil Gasproms an der russischen Gasproduktion (88%) und verwies auf die lange Geschichte der stabilen russisch-deutschen Energiebeziehungen: in diesem Jahr werden es 35 Jahre her sein, seit die erste russische Gaslieferung 1973 die DDR erreichte.
Des Weiteren betonte Dr. Jasew, dass sich der Gasverbrauch innerhalb Russlands in den nächsten Jahren reduzieren werde. Erstens durch eine angestrebte Veränderung der Energiebilanz – so sollen die Anteile von Kohle, Atomkraft und erneuerbaren Energien erhöht werden. Zweitens durch eine beschlossene Erhöhung des inländischen Gaspreises bis 2011 und drittens durch Energieeinsparungen. Diese könnten laut Dr. Jasew bis 25% betragen.
In Anbetracht des steigenden europäischen Gasbedarfs unterstrich Dr. Jasew die bedeutende Rolle Russlands für die Versorgung Europas mit Gas: 27% der europäischen Gasimporte kämen aus Russland, Russland versorge 22 europäische Länder mit Gas, darunter Finnland und die Slowakei zu 100% und Deutschland zu 42%. Vor diesem Hintergrund wies er auf die Wichtigkeit hin, Russlands Gasexporte nach Europa und Europas Gasimport aus Russland zu diversifizieren. Als wichtigste Projekte nannte er dabei die Pipelines North Stream, South Stream, Blue Stream sowie die Transkaspische Pipeline.
In der anschließenden Diskussion entkräftete Dr. Jasew die
vorherrschende Meinung, dass im internationalen Vergleich die
Produktion von Öl und Gas mit dem Konsum nicht mehr Schritt halte durch
den Verweis auf die stetig steigenden russischen Gasreserven. Er
unterstrich die Bedeutung Zentralasiens für die russische
Energiepolitik und erklärte das Nabucco-Pipeline Projekt für gestorben,
da neben der South Stream und der Transkaspischen Pipeline nicht
genügend Gas mehr vorhanden sei, um eine dritte Pipeline wirtschaftlich
zu betreiben. Auf die Frage nach der Entwicklung des Konzerns Gasprom
bescheinigte er diesem sich dynamisch entwickelten Unternehmen eine
noch optimistischere Zukunft.
Vor dem Vortrag gab Dr. Jasew eine Pressekonferenz für ausgewählte Vertreter deutscher, russischer und internationaler Medien. Hier wurde deutlich, dass Dr. Jasew erwartet, dass sich die EU und allen voran Deutschland vor dem Hintergrund der Energiesicherheit aktiver für North Stream einsetzen und aktiver auf die Länder einwirken sollten, die dem Bau der Pipeline entgegenwirken. Die Vorbehalte Schwedens und Estlands nannte Dr. Jasew an den Haaren herbeigezogen, da es zahlreiche entkräftende Beispiele anzuführen gäbe: wie den Golf von Mexiko, in dem die Pipelines auch keine Gefahr für die Schifffahrt darstellten, oder dass die norwegischen oder britischen Gaspipelines anscheinend auch keine Umweltstandards verletzten. Wenn die Ostseepipeline weiterhin so fragmentiert diskutiert werde, sei eine Verzögerung des Baubeginns unausweichlich. Dies sei bei einer anzunehmenden Verdopplung des EU-Gasbedarfs bis 2030 unverantwortlich, da die Gaszufuhr dann nicht gewährleistet sei.
Auf die Frage nach der Zukunft einer Gas-OPEC antwortete Dr. Jasew, dass die EU bereits ein Verbraucherkartell darstelle. In Anbetracht dessen sei die Schaffung einer Interessenvertretungsorganisation der Gasproduzenten legitim. Es sei an der Zeit, ein Regulationsinstrument zu schaffen, um die Regeln für den Transport, Handel und Verbrauch von Gas zu bestimmen. Laut Medienmitteilungen, so Dr. Jasew, könnte die Schaffung einer Gas-OPEC bereits auf dem nächsten G-8-Gipfel im Juli 2008 von den Energieministern diskutiert werden. Weiter fügte er hinzu, dass er als Präsident der Russischen Gasgesellschaften ein Konzept für einen neuen internationalen Energieregulationsmechanismus ausarbeiten lasse, das er im März vorstellen möchte.
Der Zukunft nach dem aktuellen Gaszeitalter in 80 Jahren sieht Dr. Jasew gelassen entgegen. Seiner Meinung nach wird die Entwicklung neuer Technologien dazu führen, dass danach Wasserstoff effektiv genutzt werden kann, ebenso wie thermonukleare Energie, alternative Energien, Nanotechnologie, neuste Werkstoffe und auch Bioenergie. Es sei auch schon diskutiert worden, Helium 3 vom Mond einzuführen und zur Energiegewinnung zu nutzen. Ebenso existiere eine Theorie der zufolge sich Erdöl im Erdinneren selbst produziere und nicht als einmaliger Akt entstand.
Die Bedeutung Turkmenistans für die russische Gaspolitik schätzt Dr. Jasew als hoch ein, da Turkmenistan aktuell 52 Mrd. m3/Jahr produziere, die sowohl nach Asien als auch nach Europa verteilt werden könnten, da sich das Land für die Transkaspische Pipeline ausgesprochen habe. Ein Preisanstieg für turkmenisches Gas sei deshalb unausweichlich. Eine Erhöhung der Produktion auf 80 Mrd. m3 sei möglich.
Für den Fall, dass Dmitrij Medwedew Präsident werde, sieht Dr. Jasew keine Veränderung in der russischen Gaspolitik. Diese werde weiterhin ein Schlüsselbereich der russischen Wirtschaft bleiben.
Die Kritik an der Förder- und Pipelinepolitik Gasproms sowie die Zweifel an der Erfüllung russischer Lieferzusagen teilte Dr. Jasew ausdrücklich nicht. Im Jahr 2006 führte Gasprom laut Dr. Jasew 182000 Explorationsbohrungen durch und gab 22,6 Mrd. Rubel für geologische Erkundungen aus. Pipelines, die frei werden, weil Gasquellen erschöpft sind, könnten für andere Fördergebiete bereitgestellt werden. Für die Instandhaltung/Isolierung der Pipelines verlieh die Russische Regierung sogar eine Prämie. Zudem gäbe Gasprom jährlich 4 Mrd. US$ für die Instandhaltung aus und plane eine Erhöhung. Schließlich gäbe es noch einen ganz einfachen Grund, das Pipelinesystem nicht verrotten zu lassen: kein Russe möchte auf einer Bombe sitzen.