Russlands Energiestrategie und Europäische Energiesicherheit

Dienstag 14. Oktober 08:30 - 10:00
Ort: The Regent Hotel, Berlin

Die aktuellen Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf die russische Energiewirtschaft war das Thema eines Russlandfrühstücks organisiert vom Zentrum/Russland Eurasien der DGAP mit Unterstützung des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, der Deutschen Bank und Basic Element, welches am 14. Oktober 2008 im Hotel The Regent stattfand. Die Leiterin des Zentrums für Internationale Energiemarktstudien am Energieforschungsinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften, Tatjana Mitrowa, hob in ihrem Vortrag hervor, dass mit der Finanzkrise sich die Situation für russische Energieunternehmen gravierend verändert hätte, da die Finanzierung vieler wichtiger Projekte in Frage gestellt würden. Weiterhin drückte sie ihre Hoffnung aus, dass die aktuellen Entwicklungen zu einer pragmatischeren Kooperation zwischen Russland und der EU im Energiebereich führen würden.

Tatjana Mitrowa betonte die hohe Bedeutung von Langzeitverträgen für russische Energieunternehmen: Nur mit langfristig abgesicherten Abnahmeverträge würden Unternehmen wie Gazprom notwendige Kredite für Investitionen erhalten. Diese Strategie würde mit der Politik der EU kollidieren, die gerade langfristige Verträge als negativ für einen liberalisierten Markt ansieht. Die aktuelle Energiepolitik der EU bedeute für russische Energieunternehmen mehr Unsicherheit, da es immer schwieriger werden würde, langfristig zu planen. Die Finanzkrise hätte die Situation für russische Unternehmen weiter verschärft, da der internationale Kreditmarkt für diese praktisch geschlossen worden ist.

Insgesamt würde sich jedoch die Strategie russischer Energieunternehmen seit einigen Jahren verändern, so Tatjana Mitrowa: Nicht mehr Masse an Produktion sei entscheidend, sondern die Maximierung von Profit. Auch wenn die russische Politik weiterhin versucht Einfluss auf die Unternehmenspolitik von Gazprom oder Rosneft zu nehmen, so würden doch Rationalisierung und Gewinnmaximierung zunehmend in den Vordergrund treten.

Der Rückgang der Preise für Öl und Gas und die Probleme am Kreditmarkt würden dazu führen, dass geplante Projekte auf Eis gelegt bzw. ganz abgesagt werden, wie der gestoppte Bau einer Pipeline durch Gazprom nach China zeigt. Andere sehr aufwendige Projekte wie North Stream und South Stream könnten sich weiter verzögern. Die Folge könnte sein, dass russische Energieunternehmen stärker auf ihre Kosten achten müssten und eher in günstigere Modernisierungsprojekte für die bestehende Infrastruktur investieren würden, als in neue Erschließungsprojekte. Die von Russland in den letzten Wochen begonnene Annäherung an die OPEC ist für Tatjana Mitrowa vor allem eine Reaktion auf das unsichere Umfeld, um so bei einem weiteren Preisverfall gemeinsam mit den wichtigsten Öl-produzierenden Ländern reagieren zu können.

In der anschließenden Diskussion mit Experten aus der Politik und Wirtschaft betonte Frau Mitrowa, dass die Frage, ob es zu Lieferengpässen von Öl und Gas durch Russland nach Europa kommen könnte, nicht stünde. Russland hätte ausreichende Reserven und musste sogar Anfang des Jahres die Produktion drosseln. Weiterhin würde die Nachfrage aufgrund der Diversifizierung des europäischen Marktes eher zurückgehen. Der Programmleiter des Zentrums Russland/Eurasien der DGAP, Alexander Rahr, betonte abschließend, dass aufgrund der aktuellen Finanzkrise in den nächsten Jahren die Kooperation zwischen Russland und der EU im Bereich Energie weiter an Bedeutung gewinnen würde und für Russland die Bedeutung von Investitionen aus EU-Staaten steigen könnte.