In einer modernen Wissensgesellschaft hängen Wirtschaftwachstum und Wohlstand wesentlich davon ab, dass eine Vielzahl von Forschern ihr Wissen schnell in innovative Konzepte und Produkte umsetzt. Im Zuge der Globalisierung ist daher ein weltweiter Wettbewerb um die besten kreativen Köpfe entstanden, der Deutschland vor große Herausforderungen stellt – denn immer mehr hoch qualifizierte Akademiker verlassen das Land. Was ist der Grund für die Abwanderung? Wie können Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gegensteuern? Das war das Thema einer Podiumsdiskussion mit Jürgen Rüttgers, Wissenschaftler Stephan A. Jansen und „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer, die das „Berliner Forum Zukunft“ der DGAP am 18. September organisiert hatte.
„Wissen ist ein Teil unserer Wertschöpfung und zentrale Ressource für jede Produktion,“ sagte Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. „Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir bei dieser industriellen Revolution vorne mitspielen.“ Erforderlich sei, massiv in die Schulen zu investieren und eine individuelle Förderung der Schüler zu gewährleisten. So habe er zum Beispiel in NRW 7000 neue Lehrerstellen geschaffen und flächendeckend die Ganztagsschule eingeführt. Darüber hinaus habe sich die Landesregierung aus der Aufsicht über die Hochschulen zurückgezogen und damit den Weg für zahlreiche Kooperationen von Universitäten mit Firmen oder Eliteuniversitäten geebnet. Wichtig sei aber, dabei auf soziale Gerechtigkeit zu achten, so Rüttgers. Um mehr jungen Leuten aus einkommensschwachen Familien ein Studium zu ermöglichen, müsse zusätzlich zum Bafög ein leistungsabhängiges nationales Stipendiensystem eingeführt werden.
Die Förderung von Studenten sei insbesondere von Bedeutung, als sich ihre Zahl in Deutschland seit 30 Jahren nicht erhöht habe, betonte auch Prof. Dr. Stephan A. Jansen. Die Pisa-Studie habe gezeigt, dass in Deutschland die Bildungschancen eines Kindes wesentlich vom Bildungsgrad der Eltern abhängen. „Es ist neun Mal wahrscheinlicher, dass ein Kind Abitur macht und studiert, wenn die Eltern auch schon studiert haben,“ sagte der Gründungspräsident der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Studien zufolge sei die Zahl der akademisch qualifizierten Auswanderer von 2001 bis 2007 um 60 Prozent gestiegen. Grund sei, dass Länder wie die Schweiz oder USA bessere berufliche Möglichkeiten und ein „weltoffenes Klima“ bieten. Dies könne nicht durch Einwanderung kompensiert werden, da es sich dabei um „bildungsferne Schichten“ handle. Die Bundesregierung müsse deshalb eine Vorschulpflicht ab dem vierten Lebensjahr einführen und damit auch Kinder von geringer qualifizierten Migranten entsprechend fördern. Zudem schlug er vor, dass Akademiker aus den neuen EU-Ländern ohne Beschränkung einwandern dürfen. Deutsche Universitäten sollten versuchen, sich durch englischsprachige Studiengänge für mehr ausländische Studenten attraktiv zu machen. Wichtig seien außerdem Investitionen in Kultur- und Bildungsangebote der Städte, denn dies sei ein entscheidender Faktor, um den „Wettbewerb der Metropolen“ um die kreativsten Köpfe zu gewinnen.