CV und Abstract des Dissertationsvorhabens, Susann Heinecke

Susann Heinecke, M.A. (HF Politikwissenschaft), 26 Jahre alt, hat an den Universitäten Leipzig und Lyon (IEP) Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert und ihr Studium 2002 abgeschlossen. Sie hat an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität für Völkerfreundschaft und an verschiedenen Fakultäten der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU) sowie am Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik in Moskau unterrichtet. Derzeit promoviert sie an der Universität Köln über die deutsche Russlandpolitik und unterrichtet an der Fakultät für Internationale Beziehungen der St. Petersburger Staatlichen Universität.

Abstract des Dissertationsvorhabens

Neue deutsche Außenpolitik? Die Bundesrepublik Deutschland und die Russische Föderation 1991-2005

Mit den Umbrüchen der Jahre 1989/91 haben sich die Rahmenbedingungen der deutschen Außenpolitik grundlegend verändert. Seither wird gerätselt, wie sich die Umwälzungen auf die „neue deutsche Außenpolitik“ auswirken werden. Im großen und ganzen stehen sich zwei Ansichten  gegenüber: Die von Liberalismus-Anhängern vertretene Kontinuitätsthese und die (neo-)realistisch argumentierende Machtpolitikthese. Die Verfechter der Kontinuitätsthese gehen davon aus, dass sich die vierzigjährige bundesrepublikanische Außenpolitik der Selbstbeschränkung fortsetzen und Deutschland weiterhin den Weg der Integration und des Multilateralismus gehen werde. Sie begründen dies damit, dass Deutschland in hohem Maße wirtschaftlich verflochten und in internationale Institutionen eingebunden sei und dass sich mit der Wiedervereinigung in der politischen Kultur wie in der innenpolitischen Struktur keine grundlegenden Veränderungen ergeben hätten. Dahingegen prognostizieren die Vertreter der machtpolitischen Denkrichtung aufgrund des gestiegenen Machtpotenzials der Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung eine zunehmend selbstbewusste, autonomiegesteuerte und machtorientierte deutsche Außenpolitik.

Wirft man einen Blick auf die derzeitigen deutsch-russischen bilateralen Beziehungen, wird die Aktualität dieser Debatte deutlich. Russlandpolitische Initiativen Deutschlands lösen regelmäßig eine  Diskussion um die grundsätzliche außenpolitische Neuorientierung des vereinigten Deutschlands aus.  Zweierlei lässt sich in der deutschen Russlandpolitik seit der Wiedervereinigung beobachten: Zum einen eine Intensivierung und Bilateralisierung, zum anderen eine Ausweitung bzw. Verschiebung der Politikfelder und –ziele. Die ursprüngliche Abhängigkeitsbeziehung und Bittstellerrolle Russlands gegenüber dem Westen scheint sich zu einer (Abhängigkeits-) Beziehung auf gleicher Augenhöhe zu entwickeln.

Es soll also folgender Frage nachgegangen werden: Wie hat sich die deutsche Russlandpolitik seit der deutschen Vereinigung entwickelt und wie kann man dieses Entwicklung außenpolitikanalytisch bewerten? Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt daher in der theoretisch untermauerten  Interpretation der Entwicklung der deutschen Russlandpolitik seit der Wiedervereinigung.

Immer wieder wird auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Russland, auf das große Eigeninteresse Deutschlands an dessen Einbindung sowie auf das besondere Verständnis Deutschlands für die Russische Föderation hingewiesen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob mit diesen Allgemeinplätzen die Veränderungen in der deutschen Russlandpolitik hinreichend erklärt werden können. Angesichts der oben skizzierten Veränderung der deutschen Russlandpolitik wird in dieser Arbeit vermutet, dass die Kooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation dort stattfindet, wo sich die Interessen beider Länder treffen und sie einen Gewinn von der Kooperation erwarten. Die deutschen Interessen werden von dominanten und durchsetzungsfähigen gesellschaftlichen Gruppen bestimmt. Die deutsche Russlandpolitik wird also als eine gewinn- bzw. nutzenorientierte Politik interpretiert, in der die Bundesrepublik versucht, ihre Interessen möglichst effizient durchzusetzen.