CV und Abstract des Dissertationsvohabens, Mark Brüggemann

Mark Brüggemann, M.A. in Slavistik und Politikwissenschaft, 31 Jahre alt. Studium an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und der Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn/Polen. Thema der Magisterarbeit: „Die Sprachenpolitik gegenüber dem Polnischen in der Ukraine und gegenüber dem Ukrainischen in Polen nach der politischen Wende“ (vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderter Forschungsaufenthalt in Lemberg und Breslau) . Während des Studiums Tätigkeit als Journalist und Übersetzer für deutsch-polnische Medien. Nach dem Studium Medienassistent des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) bei Printmedien der deutschen Minderheit in Polen. Interessenschwerpunkte: Sprachen- und Minderheitenpolitik, Soziolinguistik, politische Systeme in Polen, der Ukraine und Belarus.

Als Promotionslektor ist Mark Brüggemann an der Belarussischen Staatsuniversität in Minsk tätig.

Abstract des Dissertationsvorhabens

„Sprachideologische Debatten in Belarus’ 1995-2008. Eine Analyse von Pressetexten“

Die Lage der weißrussischen Sprache in Belarus’ unter der Präsidentenherrschaft von Aljaksandr Lukašenka, der seit 1994 im Amt ist, ist uneindeutig. Diachron betrachtet, übernahm die Republik Belarus’, 1991 als unabhängiger Staat gegründet, das sprachliche Erbe der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR), in der jahrzehntelang das Russische den städtischen Alltag dominiert hatte und auch auf dem Land als Zweitsprache verbreitet gewesen war. In synchroner Betrachtungsweise erscheint das Weißrussische Anfang des 21. Jahrhunderts in einer eigentümlichen Zwischenposition zwischen Mehrheits- und Minderheitssprache. Es ist einerseits eine der anerkannten slavischen (Literatur-)Sprachen, Sprache der Titularnation des weißrussischen Staates und eine der beiden Staatssprachen von Belarus’ – neben dem Russischen. Andererseits haben in jüngeren Umfragen nur zwischen 11 und 37% der Bevölkerung angegeben, tatsächlich im Alltag Weißrussisch zu sprechen. Aufgrund dieser geringen tatsächlichen Sprachverwendung ist das Weißrussische in der slavistischen Fachliteratur zu den bedrohten Sprachen gezählt worden.

Neben diesem Auseinanderklaffen von offiziellem Status und tatsächlicher Verwendung der weißrussischen Sprache wird häufig auf die Politisierung der Sprachenfrage in Belarus’ hingewiesen. In der Bevölkerung von Belarus’ und bei ausländischen Beobachtern des politischen Geschehens in Weißrussland gilt das Weißrussische oft als Sprache der Anti-Lukašenka-Opposition, von den Machthabern dargestellt als Sprache von Gegenmacht und Instabilität sowie als Quelle gewalttätiger Aktionen. Die heutigen Hauptfunktionen der weißrussischen Literatursprache, so wird in diesem Zusammenhang auch konstatiert, seien eine symbolische und metasprachliche, weniger eine kommunikative.

Herrscht im Allgemeinen über die Rolle der weißrussischen Sprache als politischer Faktor in Belarus’ Konsens, so sind die Akzentsetzungen in wissenschaftlichen und publizistischen Beiträgen unterschiedlich, wenn es um die Frage geht, wo denn die Hauptursache für den geringen Gebrauch des Weißrussischen zu suchen sei. Während die einen Autoren vor allem der weißrussischen Staatsführung vorwerfen, mit ihrer Politik den Verfall der weißrussischen Sprache und Kultur zu bezwecken oder zumindest nicht zu unterbinden, heben andere stärker hervor, dass weder die staatliche Sprachenpolitik unter Lukašenka noch die sowjetische Sprachenpolitik allein für die geringe praktische Bedeutung der weißrussischen Sprache verantwortlich zu machen seien.

Aus dem Einblick in die unterschiedlichen Bewertungen der sprachlichen Situation im heutigen Belarus’ sowie der Sprachenpolitik des unabhängigen Staates Weißrussland seit 1991 ist die Idee für das Dissertationsprojekt entstanden. Ausgehend vom grundsätzlichen Respekt sowohl für den Teil der weißrussischen Gesellschaft, für den der Erhalt der weißrussischen Sprache einen eigenständigen Wert darstellt, als auch für den Teil, der ein eher pragmatisches als emotionales Verhältnis zur Verwendung von Sprache(n) hat, soll die Dissertation einen Beitrag zum besseren Verständnis der politischen und sozialen Bedeutung der weißrussischen Sprache in der Gesellschaft von Belarus’ leisten. Um dies zu erreichen, soll ein differenziertes Bild von den Argumentationsstrategien geliefert werden, mit denen Sprachschützer, Politiker, Intellektuelle und einfache Bürger im Pressediskurs über die weißrussische Sprache und ihre Rolle in der Gesellschaft operieren.