Julia Walter, Dipl. Politologin, 25 Jahre alt, hat an der FU Berlin, in Wroclaw und in Warschau studiert. Nach dem Studium arbeitete sie für einen Bundstagsabgeordneten und beim Parteivorstand der SPD. Ab August 2006 wird sie im Rahmen des Lektorenprogramms der Robert Bosch Stiftung an der Universität Warschau unterrichten.
Politische Führung und die Struktur des jeweiligen politischen Systems, in dem diese Führung ausgeübt wird, korrelieren miteinander. Historische Erfahrungen, politisch-kulturelle Besonderheiten und verfassungsrechtliche Parameter eines politischen Systems engen Spielräume der politischen Anführer ein, während sie an anderer Stelle exklusive Gelegenheitsstrukturen bieten. Ebenso kann die Art und Weise der individuellen Führungsausübung wiederum die Gestalt des politischen Systems beeinflussen. Letzteres trifft vor allem für politische Systeme zu, in denen verfassungsrechtliche Grundlagen noch definiert werden müssen und eine politische Kultur noch im Entstehen begriffen ist. In diesem Fall kann politische Führung den Selbstfindungsprozess der politischen Systeme maßgeblich prägen und beeinflussen.
Im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts war dies insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten der Fall. Auf dem Weg von Plan- zu Marktwirtschaften, von kommunistischen Diktaturen zu freiheitlichen Demokratien und aus dem Warschauer Pakt in die westlichen Bündnisstrukturen von NATO und Europäischer Union ereignete sich in diesen Ländern eine quasi zeitgleiche ökonomische, staatsrechtliche und häufig auch nationalstaatliche Transformation. Sowohl innen- als auch außenpolitisch haben sich die mitteleuropäischen Nationen in den 1990er Jahren somit gänzlich neu erfunden.
Zivilgesellschaftliche Institutionen waren hingegen selten ein Motor dieser Neudefinitionen. Der Organisationsgrad von Gewerkschaften, die Bereitschaft zum Engagement in Vereinen und Verbänden sowie die Mobilisierungsfähigkeit der Parteien waren in Mittelosteuropa weitaus geringer ausgeprägt als in den westeuropäischen Nachbarstaaten. Somit gestaltete in erster Linie eine überschaubare Anzahl von politischen Eliten die mitteleuropäischen Transformationsprozesse.
Aus diesem Grund liegt es nahe, sich mit dem Phänomen politischer Führung in den mitteleuropäischen Transformationsstaaten näher zu befassen. Unter welchen gesellschaftlichen, historischen, politisch-kulturellen oder verfassungsrechtlichen Bedingungen entwickelt sich politische Führung in Polen? Mit welchen Instrumenten führen polnische Politiker? Wie rekrutieren die Parteien ihren Führungsnachwuchs und bestehen grundlegende Unterschiede in der Elitenausbildung postkommunistischer Parteien im Vergleich zu Zusammenschlüssen ehemals Oppositioneller? Auf diese Fragen möchte das Projekt eine Antwort finden, um anschließend beurteilen zu können, wie politische Führung die Ausgestaltung des Transformationsprozesses in Polen beeinflusst und welche Handlungsspielräume bzw. –zwänge durch den ökonomischen und politischen Umbruch für Führungspersönlichkeiten entstehen.