CV und Abstract des Dissertationsvorhabens, Eva Pluhařová-Grigienė

Eva Pluhařová-Grigienė, Jahrgang 1975. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik, Psychologie und Osteuropastudien in Kiel, Berlin und Prag. Seit 2001 Nebentätigkeit als Kuratorin und Projektmanagerin im internationalen Kulturbereich. 2003-2005 Programmleiterin am Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nida, Litauen im Rahmen des Programms „Robert Bosch Kulturmanager in Mittel- und Osteuropa“ der Robert Bosch Stiftung. Seit 2005 Mitgesellschafterin von inter:est – Büro für Kulturmanagement und Kulturaustausch mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Seit 2006 Promotion im Fach Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, Lehrauftrag am Institut für Geschichte und Archäologie der Baltischen Region der Universität Klaipėda, Litauen.

Forschungsinteressen: politische Ikonografie, Künstlerkolonien, Kultur und Regionalmanagement, Kulturerbe, Landschaftstheorie.

Abstract des Dissertationsvorhabens

„Region im Bild. Identität und Raum in bildlichen Repräsentationen des Memelgebietes/ Klaipėdos kraštas“

Jenseits von nationalstaatlicher Identität scheinen Regionen authentischere Angebote der Selbstvergewisserung bereit zu halten, um den Einzelnen für die Herausforderungen einer globalisierten Welt kulturell zu wappnen. Dies spiegelt sich in den Normen politischer Richtlinien und Abkommen. In der Landschaftsschutzkonvention des Europarates etwa wird die essentielle Bedeutung der Identifizierung von Menschen mit dem Gebiet in dem sie leben für eine ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Entwicklung einer Region und Europas insgesamt betont. Dem ehemals zu Ostpreußen gehörenden Memelgebiet als eigenständiger Kulturlandschaft innerhalb des heutigen Litauen bieten sich in dieser Hinsicht viel versprechende Perspektiven: Das kulturelle Erbe der multiethnischen Region stellt eine bedeutende Ressource für die Wachstumsbranche Tourismus dar. Diese Möglichkeit wird jedoch nicht ausgeschöpft, denn nur ein Teil der Kultur und Geschichte passiert die Schwelle zum Selbstbild der Region. Das als „deutsch“ empfundene Erbe hingegen bleibt größtenteils fremd.

Gleichzeitig ist jedoch gerade diese Vergangenheit des Gebiets vielfach „bildlich“ präsent. Bilder von vor 1945 spielen für die (Selbst-)Darstellung des Memelgebiets heute eine prominente Rolle. Es werden nicht nur alte Vorlagen eingesetzt, sondern sich in der Bildproduktion auch auf diese bezogen. Trotz der dramatischen politischen und demographischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts weist die visuelle Kultur der Region somit erstaunliche Kontinuitäten auf. In ihren Darstellungstraditionen offenbaren sich Konzepte von Raum und Identität des Memelgebiets. Ihre Untersuchung soll darüber Aufschluss geben, weshalb diese Konzepte über die historischen Brüche hinweg aktuell zu bleiben vermochten, wo die reflektiv-diskursive Vergegenwärtigung der Vergangenheit scheitert.

Es sollen zunächst bildliche Kunstwerke sowie publizierte Fotografie mit thematischem Bezug zum Memelgebiet vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart nach formalen und inhaltlichen Charakteristika zusammenfassend beschrieben werden, um die dominanten Darstellungstopoi zu definieren und sie dann vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund und „bildgeschichtlichen“ Kontext ihrer Entstehung in Hinblick auf Konzepte von Raum und Identität zu analysieren. Ein zweiter Teil beschäftigt sich mit der Rezeption dieser Darstellungstopoi bis heute. Eine Besonderheit stellen dabei die sich nach 1945 in Deutschland erinnernden und agierenden ehemaligen Memelländer dar.