Doreen Eschinger, MA Neuere/Neueste Geschichte, Neuere deutsche Literatur und Europäische Ethnologie, 27 Jahre alt, hat an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie am Gustavus-Adolphus-College Minnesota/U.S.A. studiert und ihr Studium im September 2003 abgeschlossen. Im akademischen Jahr 2004/2005 war sie Lektorin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Miskolc/Ungarn. Seit 1. August 2005 ist sie Stipendiatin im Promotionskolleg des Lektorenprogramms der Robert Bosch Stiftung. Sie lebt in Budapest und unterrichtet an der Eötvös Lorànd Universität im “Unesco Ethnic and Minority Studies Program” Geschichte. Ihr besonderes Interesse gilt der Geschichte der Weimarer Republik und des Dritten Reiches, speziell dem Holocaust sowie der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Der Holocaust an den ungarischen Juden und Jüdinnen in den Jahren 1944/45 stellt aufgrund des späten Zeitpunkts der Deportationen sowie aufgrund der in der Forschung vielfach diskutierten Motivation der Täter ein singuläres Ereignis in der Geschichte der Shoah dar. Ein Aspekt, der dabei in der Gesamtdiskussion bisher gern übersehen wurde, ist der Zusammenhang von Genozid und Geschlecht. Meine Dissertation soll sich daher auf die “vergessenen Opfer” - die jüdischen Frauen aus Ungarn - konzentrieren.
Die meisten ungarischen Jüdinnen, die Auschwitz überlebten, kamen Ende 1944 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bzw. in eines seiner Außenlager. Dort trafen die “Auschwitzerinnen” auf die Jüdinnen aus Budapest - die Deportationen aus der ungarischen Hauptstadt hatten erst im Herbst 1944 eingesetzt. Gemein war beiden Gruppen, dass sie von ihren Verfolgern als jüdisch definiert und deswegen in die Konzentrationslager verschleppt worden waren. Hinsichtlich von Erziehung und Bildung, sozialen Lebensentwürfen, Religiosität und der Beziehung zu jüdischen Traditionen bestand keine Einheitlichkeit unter den Ungarinnen. Die Dissertation soll an diesem Punkt ansetzen und einerseits die Lager-Erfahrung der ungarischen Jüdinnen im Kontext der Häftlingsgesellschaft näher analysieren (Beziehungen zu anderen Opfergruppen etc.) sowie die Identitätskonzepte der Frauen untersuchen. Dabei soll es u.a. um eine von den Opfern selbst formulierte Definition ihres Jüdisch-Seins gehen. Andererseits soll das Leben nach dem Überleben in die Analyse integriert werden. Dabei wird - auch wenn das der (Arbeits-) Titel impliziert, nicht von einer homogenen Gruppe ausgegangen, da die Ungarinnen allein aufgrund ihrer spezifischen Deportationsgeschichte eine heterogene Gruppe darstellten. Zwar standen sie als Jüdinnen- wie die jüdischen Frauen anderer Nationen auch - in den Lagern auf der untersten Stufe der Häftlingshierarchie. Die so aufgezwungene Zugehörigkeit zu einer Gruppe schaffte allerdings u.a. aufgrund des völlig unterschiedlichen Sozialisationshintergrunds keine gemeinsame Identität und wurde als fremdbestimmt wahrgenommen.
Die Frage nach “weiblicher Identität” bzw. “Identitätsverlust” in der Extremsituation des Lagers soll in der Arbeit mit einer Analyse verknüpft werden, wie die durch die Verfolger festgeschriebene, konstruierte, homogene Identität (weiblich, jüdisch, ungarisch), die zur Deportation geführt hatte, von den Frauen selbst wahrgenommen wurde. Auf dieser Ebene soll die Geschichte der ungarischen Jüdinnen in Auschwitz und Ravensbrück auch mit ihrer Geschichte nach der Deportation verwoben werden, denn die Frage nach der weiblichen Identität vor/während/nach der Lager-Erfahrung verbindet sich dabei auch mit der Frage nach der nationalen Identität. Von besonderem Interesse sind daher nicht nur Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien, also die Frage, wie die Opfer von Gewalt, Hunger und Terror mit dem Erlebten umgingen; ob, und wenn ja, welche identitätsstabilisierenden Faktoren sie mobilisieren konnten, um unter den extremen Bedingungen zu überleben. Im Falle der ungarischen Jüdinnen soll sich der Blick erstmals auch auf die Situation der weiblichen Überlebenden nach Kriegsende richten. Dabei soll auch nach dem Konzept von Heimat gefragt werden, das die Frauen nach 1945 vertraten - schließlich kehrten sie nach dem Krieg in ein Land zurück, das die Deportation seiner jüdischen Bevölkerung nicht nur zugelassen, sondern aktiv unterstützt hatte.