Deutschland ist eine Großmacht und soll sich gefälligst auch so verhalten. Das ist die These von Eric Gujers Buch »Schluss mit der Heuchelei. Deutschland ist eine Großmacht«. Der Autor, Deutschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, stellte sein Buch am 12. März 2008 in der DGAP vor. Dazu eingeladen hatte Jan Techau vom Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen.
Eric Gujer baut seine These auf die scheinbar paradoxe Annahme auf, dass Deutschland an Bedeutung gewinnen konnte, weil es unwichtiger wurde: Vor 1989 war Deutschland für den Westen zu entscheidend, um den Deutschen überlassen zu werden, erst nach Ende des Kalten Krieges hat die Bundesrepublik Spielräume, ihr Gewicht international zur Geltung zu bringen. Diese Spielräume zeigen sich in drei Bereichen: Das globale Deutschlandbild hat sich verändert; antideutsche Rhetorik verfängt international nicht mehr und vor allem kleinere Staaten sind geneigt, die deutsche Führung in begrenzten Themenfeldern zu akzeptieren. Zudem ist Deutschland nun fähig, aktiv und eigenständig Regionalpolitik zu betreiben, wie die Beziehungen zu Syrien oder der Libanon-Einsatz zeigen. Als dritter Punkt ist zu nennen: Deutschland darf außenpolitische Fehler machen, die Angst vor Alleingängen hat sich gelegt. Somit kann Deutschland jetzt, wie andere Staaten auch, seine (Macht-) Mittel nutzen, nur wird diese Fähigkeit noch nicht ausreichend erkannt. Obwohl Deutschland, bis auf die militärische Stärke, alle Kriterien für eine Großmacht mit regionaler Gestaltungsmacht aufweist – große Bevölkerungszahl, wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Stärke – wurde es bisher versäumt, die eigenen Ziele klar zu formulieren und zu verfolgen statt sie hinter der Doktrin »es gibt nur eine europäische Außenpolitik« zu verstecken.
Eine außenpolitische Strategiedebatte über die Tagespolitik hinaus ist wünschenswert, genauso wichtig ist aber auch die Einsicht, dass eine Strategie nicht auf ein »alles oder nichts« hinauslaufen darf und man die eigenen Ziele oft mit »intelligentem Hindurchwurschteln« besser erreicht. Diesem Ziel könnte, so Eric Gujer, eine größere Ehrlichkeit in der außenpolitischen Debatte dienen, mit der auch in der Bevölkerung unliebsame Programme vermittelt und verfolgt werden müssen. Eine Durchhaltefähigkeit der Regierung gegenüber öffentlichen Meinungsschwankungen, wie sie bereits in der Innenpolitik bewiesen wird, wünscht sich Gujer auch bei den notwendigen außenpolitischen Strategien.