Am Abend des 15. Mai 2007 waren rund 300 Gäste – darunter Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und den Medien aus Deutschland, Tschechien und Polen – in die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) gekommen, um an der feierlichen Eröffnung des Zentrums für Mittel- und Osteuropa der Robert Bosch Stiftung teilzunehmen. Prof. Dr. Eberhard Sandschneider, Otto Wolff-Direktor des DGAP Forschungsinstituts, und Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, lobten das neu gegründete Zentrum als eine wichtige Institution der Völkerverständigung und unterstrichen die Bedeutung von wissenschaftlicher Analyse für den Auf- und Ausbau der Beziehungen zwischen West- und Osteuropa.
Die anschließende Podiumsdiskussion – moderiert von Prof. Dr. Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina – rundete den Abend inhaltlich ab. Dr. Richard von Weizsäcker, Dr. Tomas Kafka, Leiter der Abteilung Mitteleuropa im tschechischen Außenministerium, Dr. Marek Cichocki, Berater des polnischen Staatspräsidenten, und Prof. Dr. Etienne Francois, Leiter des Frankreich-Zentrums der TU Berlin, diskutierten über »Nachbarschaft neu gestalten – Deutschland, Tschechien und Polen«.
Anlässlich der offiziellen Eröffnung des Zentrums sagte Prof. Dr. Sandschneider: »Für uns ist die Robert Bosch Stiftung mehr als ein Förderer. Wenngleich heute oftmals von ›strategischer Partnerschaft‹ gesprochen wird, beschreibt dies doch zutreffend das Verhältnis zwischen DGAP und Robert Bosch Stiftung. Gemeinsam wurden Projektideen entwickelt, praxisrelevante Fragen identifiziert und handlungsorientierte Konzepte erarbeitet.« Dies stehe, so Sandschneider, ganz im Kontext der Umgestaltung des Forschungsinstituts in einen Think-Tank. Das Zentrum konzentriert sich in seiner Arbeit auf Mittel- und Osteuropa und versucht ganz im Sinne des Stifters Robert Bosch einen Beitrag zur Völkerverständigung in und mit dieser Region zu leisten. Zahlreiche Aktivitäten richten sich an angehende Führungskräfte, Nachwuchswissenschaftler und junge Diplomaten – »die Europäer von morgen«. Einen besonderen Dank sprach Sandschneider der Geschäftsführerin der Stiftung, Dr. Ingrid Hamm, für die Benennung des Zentrums nach Robert Bosch aus. »Wir sind Ihnen nicht nur dankbar, der Name dieses Zentrums wird uns Ansporn, aber auch Verpflichtung sein.«
Dr. Hamm betonte in ihrer Ansprache, dass es bei allen wirtschaftlichen Aufwärtstrends in der EU eine Fülle von Herausforderungen gebe, die nur gemeinsam angegangen und bewältigt werden könnten. »Wir brauchen Analyse und einen intensiven Dialog, um fähige Eliten herauszubilden und um ein dichtes politisches, wissenschaftliches und zivilgesellschaftliches Netzwerk zu knüpfen, das in der Lage ist, diese Aufgaben zu meistern.« Dr. Hamm verwies darauf, dass Robert Bosch bereits in den zwanziger Jahren erkannte, dass nur ein intensiver Dialog in der Lage ist, mögliche Konflikte aufzufangen. So habe er intensiv an einer deutsch-französischen Verständigung gearbeitet. An diese Idee der Völkerverständigung, so Dr. Hamm, knüpft die Robert Bosch Stiftung heute beim Dialog mit Mittel- und Osteuropa an. Schon seit 1974 bestehen deutsch-polnische Programme, die nach der Wende auf die ganze Region ausgeweitet wurden. Diese Arbeit könne nur mit kompetenten und gut vernetzten Partnern gestaltet werden wie dies beispielsweise in der »strategischen Partnerschaft« mit der DGAP geschehe und wofür Dr. Hamm herzlich Dr. Arend Oetker, Fritjof von Nordenskjöld und Prof. Dr. Eberhard Sandschneider dankte. Ein Ergebnis der von Dr. Hamm angesprochenen Verständigungsarbeit wurde darin sichtbar, dass dieser Abend gemeinsam mit dem Tschechischen Zentrum und dem Polnischen Institut organisiert wurde, deren Direktoren beide Stipendiaten der Robert Bosch Stiftung waren.
Inhaltlich stand der Abend unter dem Thema »Nachbarschaften neu gestalten – Deutschland, Tschechien und Polen.« Dr. Richard von Weizsäcker diskutierte unter der Moderation von Prof. Dr. Gesine Schwan mit Dr. Tomáš Kafka (Abteilungsleiter Mitteleuropa im tschechischen Außenministerium) und Dr. Marek Cichocki (europapolitischer Berater des polnischen Staatspräsidenten) über die Neugestaltung der Beziehungen Deutschlands zu Tschechien und Polen. Prof. Dr. Étienne François, Leiter des Frankreich-Zentrums der FU-Berlin, kommentierte, inwieweit Erfahrungen aus dem deutsch-französischen Verhältnis auf den deutsch-tschechischen und deutsch-polnischen Kontext übertragen werden können.
Das Ende des Kommunismus hat nach Jahren der Trennung die partnerschaftliche Gestaltung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn ermöglicht. Dr. Richard von Weizsäcker bezeichnete den Mauerfall über dessen deutsch-deutsche Bedeutung hinaus als »Signal an Europa«. Dr. Marek Cichocki hob hervor, man sitze endlich gleichberechtigt an einem Tisch, müsse sich aber auch immer wieder neu um das gegenseitige Verstehen bemühen. Dabei spielt die Aufarbeitung der Vergangenheit eine zentrale Rolle; es stelle sich die Frage, wie die Überreste der Teilung Europa politisch überwunden werden könnten. Tomáš Kafka betonte, dass auch in Tschechien in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten die freie Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine neue Erfahrung gewesen sei. »In den Neunzigern hat uns die deutsche Seite inspiriert, wie man die Angst vor der Vergangenheit verlieren kann.« Dr. Richard von Weizsäcker rief dazu auf, gemeinsam die Geschichte begreifen lernen zu müssen. In Deutschland müsse man nun lernen, die inneren Entwicklungen in den Nachbarländern zu verstehen, auch wenn das nicht immer leicht sei. Stets müssten dabei aber die gemeinsamen Ziele der EU im Auge behalten und ein gemeinsamer Zukunftswunsch der EU bestimmt werden. Die EU dürfe sich nicht auseinanderdividieren lassen, weder von den USA, noch von Russland. Prof. Dr. Étienne François betonte, die Auswirkungen der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa und der EU-Osterweiterung auf Frankreich seien viel größer, als oft vermutet. Frankreich erfahre, nur eine Macht von vielen zu sein und nicht mehr die führende. Mit Blick auf das gegenwärtig angespannte deutsch-polnische Verhältnis wandte Dr. Marek Cichocki ein, seinem Eindruck nach würden manche Entwicklungen in Polen von deutscher Seite schnell kritisiert, ohne sich erst um ein Verstehen zu bemühen. Er warb darum, sich erst um Verständnis zu bemühen und danach Kritik zu üben.
Insgesamt zeigte sich in der Diskussion, dass alle Beteiligten die Entwicklung der jeweiligen bilateralen Beziehungen zu Deutschland in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten äußerst positiv bewerteten. Da auch das Verhältnis zu Frankreich in den vergangenen 60 Jahren nicht ständig harmonisch und einvernehmlich gewesen sei, könne das auch für das Verhältnis Deutschlands zu seinen östlichen Nachbarn nicht verlangt werden. Die wichtigste Grundlage zur Gestaltung der Nachbarschaftsbeziehungen besteht, darin waren sich alle einig, in der Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis.
Das Zentrum für Mittel- und Osteuropa der Robert Bosch Stiftung betreut und koordiniert mehrere von der Robert Bosch Stiftung geförderte Programme, deren Ziel in der Förderung und Vernetzung zukünftiger Entscheidungsträger und Nachwuchswissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa sowie Deutschland besteht.
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