
(Foto: Henry Herrmann)
Mit einer politischen Grundsatzrede sicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem neu gegründeten „Alfred-von-Oppenheim- Zentrum für Europäische Zukunftsfragen“ eine gelungene Premiere auf dem Parkett des politischen Berlins. Unter dem Titel „Die Rolle der EU auf der internationalen Bühne“ gab sie am 08.11.2006 vor über 650 geladenen Gästen sowie Vertretern der nationalen und internationalen Presse Einblicke in die Planungen für die deutsche Ratspräsidentschaft.
Zu Beginn ihrer Rede betonte die Kanzlerin nachdrücklich, dass der Erfolg europäischer Politik wesentlich davon abhängt, ob es Europa gelingt in der Zukunft mit einer Stimme zu sprechen.
Um effektives politisches Handeln wird sich die deutsche Präsidentschaft vor allem in Fragen der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, der Handelspolitik sowie der Energie- und Klimapolitik bemühen. In der Vergangenheit – so räumte Merkel ein –war die EU beispielsweise in Zeiten der Balkan-Krise „nicht in der Lage auf die schrecklichen Ereignisse auf dem eigenen Kontinent angemessen zu reagieren.“
Die Bundeskanzlerin verzichtete auch nicht auf einen Kommentar zur aktuellen Türkei-Frage. Sie unterstrich, dass das Ankara-Protokoll bis Ende des Jahres umgesetzt sein müsste, um das Vertrauen zwischen der EU und der Türkei aufrechterhalten zu können.
Jan Techau, Leiter des Oppenheim-Zentrums zeigte sich nach der Veranstaltung sehr zufrieden. „Ein besserer Start für unser neues Zentrum ist kaum denkbar, es ist eine große Ehre, die Kanzlerin bei uns zu Gast gehabt zu haben.“
Techau wies auf den sehr programmatischen Charakter der Rede hin. „Die Kanzlerin hat mit GASP, Energie, Klima und Handel auf vier zentrale europäische Zukunftsfragen hingewiesen und den Verfassungsdiskurs in den Hintergrund gestellt. Die Bundesregierung scheint die Erwartungen in Bezug auf die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Verfassung dämpfen zu wollen.“
Sehr geehrter Herr Oetker,
liebe Familie Oppenheim,
meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen
Bundestag,
Exzellenzen!
Ich freue mich sehr, heute hier zu Ihnen zu sprechen. Denn mit
der Eröffnung des „Alfred von Oppenheim-Zentrums
für europäische Zukunftsfragen“ haben Sie ein
sehr klares Zeichen gesetzt, wo unsere Zukunft liegt:
Nämlich in Europa.
Das Zentrum wurde, wie eben schon von Herr Oetker
erwähnt, von Christopher Freiherr von Oppenheim gestiftet
und nach seinem Vater benannt. Ich halte dies für eine
gute Wahl. Alfred Freiherr von Oppenheim hat sich sehr um die
Wissenschaft verdient gemacht. Dabei lag ihm die
europäische Einigung immer in ganz besonderer Weise am
Herzen. Ich habe mich ihm auch persönlich sehr verbunden
gefühlt. Für mich war es eine große Ehre, dass
ich zu seinem 70. Geburtstag vor zwei Jahren eine Rede halten
durfte.
Ich bin mir sicher, dass das Zentrum die wissenschaftliche
Debatte über die Entwicklung Europas weiter beleben wird.
Deshalb wünsche ich dem Zentrum an diesem interessanten
Ort alles Gute, viele interessante Erkenntnisse, Dispute und
Stunden, die auch der gemeinschaftlichen Meinungsbildung in
Europa dienen.
In wenigen Wochen übernimmt Deutschland - auch darauf ist
hingewiesen worden - die Präsidentschaft der
Europäischen Union. Die Bundesregierung ist sich der damit
verbundenen Verantwortung bewusst. Wir haben uns am Sonntag in
einer außerordentlichen Kabinettssitzung in der Villa
Borsig einmal jenseits einer festen Tagesordnung Zeit
dafür genommen, intensiv über die Schwerpunkte zu
diskutieren, weil ich der Meinung bin, dass eine Regierung eine
solche Verantwortung nur gemeinsam tragen kann, wenn sie ein
gemeinsames Grundverständnis hat, wie sie diese
Präsidentschaft gestalten will. Und den Willen dazu haben
wir.
Der europäische Einigungsprozess hatte zwar manch
schwierige Phase, aber ich glaube, zumindest wir in diesem Raum
hier sind uns einig: Die europäische Einigung ist eine
Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Wir werden in
Berlin die Gelegenheit haben, anlässlich des 50.
Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge
auch daran zu denken, den Bogen in die Zukunft zu spannen. Wenn
man sich einmal überlegt, was es bedeutet, dass diese
geteilte Stadt der Ort ist, an dem sich dann 27
Mitgliedsstaaten versammeln und an die unglaubliche
Gründungsidee der Europäischen Union, an die
Unterzeichnung der Römischen Verträge erinnern, so
weiß man, dass dies für Berlin ein sehr wichtiger
Tag sein wird.
Wir wollen während unserer Präsidentschaft den
Erfolg der Europäischen Union fortschreiben. Aber wir sind
uns auch bewusst, dass der Ausgangspunkt dieser
Präsidentschaft nicht ganz leicht ist - nicht wegen der
anstehenden Wahlen und all der Termine, die in den jeweiligen
Mitgliedsländern eine große Rolle spielen, sondern
weil die Zustimmung zur Europäischen Union und zur
europäischen Integration in den letzten Jahren sehr
abgenommen hat. Das sagen uns alle Umfragen, anhand derer wir
feststellen, dass viele die Dinge zu technokratisch finden. Es
werden Fragen aufgeworfen wie: Bringt der Binnenmarkt dem
Einzelnen wirklich mehr Wohlstand?
Viele Bürgerinnen und Bürger haben Zweifel, dass
Europa in der Lage ist, auf die großen Fragen der Zukunft
gültige Antworten zu finden. Wir haben das bei den
gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und in den
Niederlanden erleben müssen. Eine solche Stimmung herrscht
aber auch in vielen anderen Mitgliedsstaaten. Deshalb glaube
ich: Es reicht nicht mehr aus, allein den Bezug zur
Vergangenheit zu nehmen und an die Brücken, die damals
zwischen Ländern gebaut wurden, die durch so genannte
Erbfeindschaften getrennt waren, zu erinnern, sondern es kommt
darauf an, dieses Europa auch wieder neu für das 21.
Jahrhundert zu begründen.
Fragt man sich, was Europa, was die Europäische Union
zusammenhält, so ist für mich klar: Europa beruht vor
allem auf gemeinsamen Werten, die die Mitgliedsstaaten der
Europäischen Union teilen: Auf Freiheit, Gerechtigkeit,
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der Achtung der
Menschenrechte. Diese grundlegenden Werte sind in Europa
über Jahrhunderte gewachsen.
Ein Gang ins Bodemuseum und in weitere Einrichtungen der
Museumsinsel gibt uns Auskunft darüber, was Europa auch
durchlitten hat, um über das Verständnis von
Toleranz, über das Verständnis von Vielfalt in der
Lage zu sein, diese Werte leben zu können, sie als
gemeinsame Werte zu verstehen. Deshalb möchte ich zu
Beginn sagen: Europäische Zusammenarbeit wird auch in
Zukunft immer wertegebunden sein. Wenn sie Bestand haben soll,
muss sie wertegebunden sein.
Binnenmarkt und Euro und vieles andere sind für die
Europäische Union zweifellos sehr wichtig, aber wir
sollten uns darüber im Klaren sein: In erster Linie ist es
das gemeinsame Verständnis von Grundwerten, was Europa im
Innersten zusammenhält. Dieses Fundament gibt uns die
Kraft, die Gemeinschaftsaufgabe trotz aller Widrigkeiten, trotz
aller unterschiedlichen Meinungen als Gemeinschaftsaufgabe
anzusehen. Wie kann sie gelingen? Ich bin überzeugt: Nur
wenn Europa mit einer Stimme spricht, hat es die besten
Chancen, Politik nach unseren Wertvorstellungen zu gestalten,
eine Politik, von der die Bürgerinnen und Bürger dann
auch sagen, dass sie davon profitieren.
Dieses Mit-einer-Stimme-Sprechen ist etwas, was im Einzelfall
unglaublich schwer zu erreichen ist. Dass es aber wichtig und
auch entscheidend ist, möchte ich an vier Beispielen
näher erläutern, die auch Schwerpunkte der Arbeit
während unserer Präsidentschaft sein werden, welche
im Übrigen zum ersten Mal eine Dreierpräsidentschaft
sein wird, wie es heute genannt wird. Das heißt, man
kommt ein wenig weg von der Kurzatmigkeit von
Sechs-Monate-Programmen. Wir werden - Deutschland gemeinsam mit
Portugal und Slowenien - diese Präsidentschaft wie einen
roten Faden weiterspinnen.
Vier Beispiele möchte ich also nennen, an denen sich
zeigt: Mit einer Stimme zu sprechen, macht Europa stark;
zerstritten zu sein, bewirkt das Gegenteil. Ich beginne mit der
gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, bezüglich
der ich überzeugt bin, dass sie in den nächsten
Jahren eine der ganz großen Schwerpunkte
europäischen Handelns sein wird.
Die europäische Außen- und Sicherheitspolitik ist
noch nicht alt. Sie wurde 1992 mit dem Vertrag von Maastricht
ins Leben gerufen. Schnell wurde sichtbar: Aller Anfang ist
schwer. Die erste, damals ziemlich unerwartete Krise, die
Balkan-Krise, hat Europa tief gespalten. Das Ergebnis ist
bekannt: Die Europäische Union war nicht in der Lage, auf
die schrecklichen Ereignisse vor ihrer Haustür auf dem
eigenen Kontinent angemessen zu reagieren. Erst mit Hilfe der
USA ist es gelungen, die Stabilisierung der Region schrittweise
zu erreichen. Aber wir können sagen: Aus diesen bitteren
Erfahrungen haben wir gelernt. Denn Schritt für Schritt
wurde das außen- und sicherheitspolitische
Instrumentarium der Europäischen Union fortentwickelt. In
Amsterdam und Nizza konnten schon beachtliche Fortschritte
erzielt werden.
Besonders wichtig war die Schaffung des Amtes eines Hohen
Vertreters für die gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik. Die Schaffung dieses Amtes und die Arbeit
des ersten Amtsinhabers Javier Solana ist nicht zuletzt auch
deshalb wichtig, weil sich schnell herausstellte, dass sich die
sicherheitspolitischen Herausforderungen nach dem Kalten Krieg
völlig gewandelt haben. Wir haben es diesem ersten Hohen
Beauftragten nicht immer leicht gemacht. Und es gibt immer noch
Stimmen, die fragen: Wo ist die Telefonnummer Europas, wo rufe
ich an?
Auch die Erfahrungen im Vorfeld des Irak-Krieges haben
gezeigt, dass Europa nicht mit einer Stimme gesprochen hat.
Daraus wiederum sind wichtige Folgerungen gezogen worden. In
der Sache des Iran haben wir in Europa in bemerkenswerter Weise
mit den Vereinigten Staaten von Amerika zusammengearbeitet und
damit auch gezeigt, dass wir bereit sind, gemeinschaftlich zu
handeln, was uns im Übrigen im Umgang mit dem
Nuklearprogramm des Iran viele Verbündete geschaffen
hat.
Die Bedrohungen haben sich gewandelt. Die Zeit, in der es zwei
Blöcke gab, die einander feindlich gegenüberstanden,
ist vorbei. Im Rückblick war es eine schreckliche Zeit,
aber in gewisser Weise eine überschaubare
Bedrohungssituation, während wir heute asymmetrischen
Bedrohungen gegenüberstehen, die nicht selten von
einzelnen Menschen ausgehen, die bereit sind oder sich aus
einem falschen Verständnis heraus verpflichtet
fühlen, ihr Leben für den Kampf gegen die Art des
Lebens anderer hinzugeben, zu opfern, und dabei von Staaten
geschützt bzw. gestützt werden. Die
Auseinandersetzung mit dieser Bedrohung ist damit sehr viel
schwieriger geworden. Denn im Kalten Krieg war es eine
Konstante, dass man sich gegenseitig nicht vernichten wollte,
während heute Menschen Bedrohungen manifestieren, ihr
eigenes Leben aufs Spiel setzen, um die Freiheit, um die
Demokratie zu schädigen. Deshalb funktionieren die
klassischen Abschreckungsmechanismen, wie wir sie von
früher kannten, nicht mehr.
Der internationale Terrorismus, die Proliferation von
Massenvernichtungswaffen zählen zu diesen asymmetrischen
Bedrohungen. Auch regionale Konflikte, instabile Staaten, der
Zerfall staatlicher Ordnungen haben im Zusammenhang mit diesen
asymmetrischen Bedrohungen kaum abwägbare Folgen. Solchen
Bedrohungen kann kein Staat allein Herr werden. Deshalb ist es
so notwendig, dass die Europäische Union als Gemeinschaft
Antworten auf diese Fragestellung findet.
Die Europäische Union hat im Europäischen
Verfassungsvertrag und in der Europäischen
Sicherheitsstrategie entsprechende Antworten gegeben. Es war
wichtig, dass sie sie gegeben hat, und ich glaube, wir
können inzwischen auch auf eine ganze Reihe von Erfolgen
blicken, zumindest auf manches, was wir erreicht haben.
In Mazedonien haben wir den heraufziehenden Bürgerkrieg
verhindert. In Bosnien-Herzegowina haben wir einen Staat
stabilisiert, dem viele das Überleben nicht zutrauten. In
der indonesischen Provinz Aceh dokumentiert die
Europäische Union, dass uns auch die Probleme Asiens nicht
gleichgültig sein können. Im Kongo sichern wir
derzeit präventiv durch unsere militärische
Präsenz die ersten demokratischen Wahlen seit 40
Jahren.
Diese regionale Verteilung zeigt, dass wir als Europa
inzwischen auch weltweit gefragt sind. Das ist eine Entwicklung
der letzten Jahre. Wenn man an die Diskussionen in den
Parlamenten, insbesondere im Deutschen Bundestag, denkt - da
die Bundeswehr ja eine „Parlamentsarmee“ ist, also
mit dem Mandat der Abgeordneten zu Missionen entsandt wird -,
zeigt es sich, dass wir auch eine sich weiterentwickelnde
politische Diskussion brauchen. Folgende Fragen könnten
auch in diesem Zentrum hier einmal thematisiert werden: Was
sind unsere Interessen? Wo überall sind wir gefragt? Was
können wir leisten? Wie können wir das
weiterentwickeln?
Europa leitet dabei ein Sicherheitsbegriff, den ich als
umfassenden Sicherheitsbegriff darstellen möchte, und der
- zusammengefasst in einem Satz - besagt: Militärische
Krisenbewältigung kann immer nur im Verbund mit zivilen
Bemühungen um Stabilität und Wiederaufbau Erfolg
haben. Ich glaube, dieser Sicherheitsbegriff ist richtig. Wir
haben bei den 13 laufenden Missionen viele zivile - derzeit elf
- und müssen daran arbeiten, die Schnittstellen zwischen
zivilen und militärischen Elementen besser aufeinander
abzustimmen. Das wird eine der großen Herausforderungen
sein.
Ich kann das Beispiel Afghanistan nennen, das uns weiter
beschäftigen wird. Bezüglich Afghanistans hat die
Bundesregierung sehr intensiv die Strategie diskutiert und
überlegt, wie wir unsere Kräfte bündeln
können, da klar ist: Allein mit einer militärischen
Komponente kann man die Stabilität dieses Landes nicht
erreichen; ohne militärische Komponenten jedoch kann man
sie auch nicht erreichen. Das heißt, wir brauchen eine
völlig neue Form des Zusammenwirkens von
Entwicklungshilfe, von den Instrumenten innerer Sicherheit, von
dem, was Aufbau von Institutionen bedeutet, und
militärischem Eingreifen. Das erfordert eine Kohärenz
von früher völlig verschiedenen Fachgebieten. Das
erfordert eine Zusammenarbeit von Innenministerium,
Entwicklungshilfeministerium und Verteidigungsministerium, wie
man sie früher nicht gekannt hatte. Am Beispiel
Afghanistans versucht die Bundesregierung - ich hoffe, wir
haben auch Gelegenheit, das auf dem NATO-Gipfel in Riga zu
diskutieren -, einen solchen vernetzten Einsatz zu einem Erfolg
zu machen. Das ist schwierig, aber es ist wichtig, diesen
Erfolg zu erringen. Wir dürfen vor den Schwierigkeiten
nicht zurückschrecken.
Es ist absehbar, dass neue Aufgaben auf uns zukommen, vor
denen wir die Augen nicht verschließen, denen wir nicht
ausweichen werden können. Eine ist so nahe liegend, dass
wir auf keinen Fall die Augen vor ihr verschließen
dürfen: Die nähere Zukunft des Kosovo. Die
internationale Staatengemeinschaft arbeitet intensiv mit den
betreffenden Parteien an einer Statuslösung. Diese Arbeit
im Kosovo, insbesondere im Hinblick auf die umgebenden
Länder, ist kompliziert. Nicht passieren darf
natürlich, dass wir einen Teil quasi um des Preises willen
stabilisieren, dass andere Teile wieder destabilisiert werden.
Das Verhältnis zu Serbien ist kompliziert. Es kann
Auswirkungen auf Mazedonien, auf Bosnien-Herzegowina haben.
Deshalb muss hier mit äußerstem
Fingerspitzengefühl vorgegangen werden, um den Prozess
nicht zum Stehen zu bringen. Wenn diese Statusfrage einer
Lösung zugeführt würde, dann würde sich die
bisher größte zivile Mission der europäischen
Sicherheits- und Verteidigungspolitik anschließen. Der
Schwerpunkt dieser Mission soll auf den Bereichen Innen- und
Justizpolitik liegen, weil es darum geht, den Kosovo auch
handlungsfähig zu machen.
Gleichzeitig werden in der Region NATO-Truppen weiterhin
gebraucht. Das heißt, von äußerster Bedeutung
ist: Es muss gelingen, dass die europäische Sicherheits-
und Verteidigungspolitik mit der NATO kooperiert und wir hier
keine Reibungsverluste, keine Gegensätze haben, sondern
die Dinge miteinander verzahnen. Dies muss das
Grundverständnis sein. Das ist für mich von
elementarer Wichtigkeit: Wir dürfen die europäische
Sicherheits- und Verteidigungspolitik niemals als etwas gegen
die transatlantische Partnerschaft Gerichtetes verstehen. Das
ist von äußerster Wichtigkeit.
Aber wir haben auch Probleme, die etwas mit Mitgliedsstaaten -
Stichwort Zypern und Türkei - zu tun haben. Es muss uns
gelingen - das Beispiel Kosovo wird das erste sein -, dass die
Zusammenarbeit von EU und NATO auch an dieser Stelle
erfolgreich ist.
Es ist absehbar, dass Deutschland gefordert ist, im Kosovo
weiterhin Verantwortung zu übernehmen. Deshalb kann man
heute schon sagen: Viele Augen werden sich auf Deutschland
richten, wenn es um weitere Verantwortung in der Welt geht. Wir
werden uns vor dieser Verantwortung nicht drücken
können. Die Idee, man könnte sehr gute politische
Ratschläge geben und sich aber bei den schwierigen
Aufgaben fernhalten, wird nicht umsetzbar sein. Wir haben uns
dieser Idee auch nie angeschlossen, denn die Tatsache, dass wir
zum Beispiel in der Mission UNIFIL Verantwortung
übernommen haben, ist ein Beispiel dafür, dass uns
bewusst ist, dass politisches Handeln und die Bereitschaft zu
militärischem Handeln heute zusammengehen.
Nun wissen wir, dass sich keine Präsidentschaft ihre
internationalen Herausforderungen aussuchen kann. Ich glaube,
dass unsere finnischen Partner, als sie die
Präsidentschaft am 1. Juli übernommen haben, sich
noch nicht ausrechnen konnten, dass wenige Tage später die
Libanon-Krise eintreten würde. Deshalb war es dann auch
erfreulich und richtig, dass die Europäische Union nach
einem gewissen Diskussionsprozess erhebliche Verantwortung in
dieser UNIFIL-Mission übernommen hat.
Meine Damen und Herren, diese Veranstaltung kann nicht
vorübergehen, ohne ein Wort zum diesjährigen
Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission zum
Türkei-Bericht zu sagen. Dieser Bericht dokumentiert, wo
die Türkei vorangekommen ist, stellt aber auch erhebliche
Defizite bei den politischen Reformen, insbesondere bei der
Meinungs- und Religionsfreiheit, fest.
Der Bericht stellt darüber hinaus fest, dass die
Türkei das Ankara-Protokoll bisher nicht umgesetzt hat.
Ich muss noch einmal daran erinnern, dass sich die Türkei
mit ihrer Unterschrift am 29. Juli des Jahres 2005 verpflichtet
hat, das Ankara-Protokoll umzusetzen. Ein vertrauensvoller und
glaubwürdiger Verhandlungsprozess setzt voraus, dass sich
beide Seiten an ihre Zusagen halten. „Pacta sunt
servanda“ gilt in beide Richtungen. Ich sage auch: Ich
unterstütze mit Nachdruck die Vermittlungsbemühungen
der finnischen Ratspräsidentschaft. Der finnische
Ministerpräsident war gestern hier. Wir wollen alle Kraft
einsetzen - ich war in der Türkei und habe lange mit dem
türkischen Ministerpräsidenten gesprochen -, um in
den verbleibenden Wochen dieses Problem zu lösen. Aber ich
sage auch - der Fortschrittsbericht ist an dieser Stelle
eindeutig: Die Türkei muss ihren Verpflichtungen bis zum
Ende des Jahres nachkommen, ansonsten wird die Europäische
Union angemessene Konsequenzen ziehen. Ein „Weiter
so“ kann und wird es nicht geben.
Meine Damen und Herren, auch anderen künftigen
Herausforderungen jenseits der Sicherheits- und
Verteidigungspolitik können wir nur begegnen, wenn wir
eine gemeinsame Handlungsfähigkeit haben. Ich habe
über die Außen-, Sicherheits- und
Verteidigungspolitik gesprochen und möchte als zweites
Beispiel nun die Handelspolitik nennen. Gerade hier können
die europäischen Länder gemeinsam mehr erreichen als
jedes Land für sich allein.
Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ist vor fast 50
Jahren mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge
gegründet worden. Damit wurde ein neues Kapitel in der
Geschichte Europas eingeleitet - übrigens nach dem
Scheitern des Bemühens um eine gemeinsame europäische
Verteidigungspolitik. Es ist sehr interessant, dass wir so
viele Jahre gebraucht haben, um uns dem Thema einer gemeinsamen
europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik wieder
zuzuwenden. Aber Europa hat sich immer, wenn es auf einem
Gebiet nicht vorangekommen ist, eines anderen Themas
angenommen. Deshalb ist die Wirtschaftsgemeinschaft sehr viel
früher gegründet worden. Damit wurde damals ein neues
Kapitel der Geschichte Europas eingeleitet. Das hat sich in den
letzten Jahren und Jahrzehnten bewährt.
Wir wissen heute, wenn wir an die Verhandlungsrunden über
den Welthandel denken, dass dies von entscheidender Bedeutung
ist. Es ist - ich gebe es ja zu - mühselig, in diesen
Welthandelsrunden eine gemeinsame Position in Bezug auf die
Agrarpolitik zu erreichen. Der zuständige Kommissar hat es
alles andere als leicht. Aber, meine Damen und Herren, der
Gedanke, dass jeder für sich diese Verhandlungen in der
Welthandelsorganisation durchführen müsste,
lässt einen erschrecken. Ich glaube, wir können
unsere Positionen insgesamt sehr viel besser gemeinsam
vortragen.
An dieser Stelle zeigt sich auch, dass wir gewillt sind,
internationale Abschlüsse zu tätigen, und
multilaterale Abkommen präferieren. Ich bin
außerordentlich skeptisch, wenn die DOHA-Runde nicht
vorankommt und stattdessen die Entwicklung eintritt oder sich
verstärkt, dass jedes Land mit jedem anderen Land
Handelsabkommen extra schließt. Das führt nicht zu
einem fairen Welthandel, das führt nicht zu mehr
Transparenz, das führt nicht dazu, dass die, die ihre
Chancen im freien gemeinsamen Welthandel haben sollen, diese
auch bekommen.
Gerade Deutschland profitiert und hat auch immer vom freien
Handel profitiert. Wir haben heute in Deutschland über 8
Millionen Erwerbstätige, die im Exportbereich tätig
sind. Wenn man das der Zahl von vor zehn Jahren
gegenüberstellt, so sind das 2,5 Millionen Menschen mehr.
Bezüglich der Frage, wo Arbeitsplätze entstehen und
wo wir welche verlieren, ist der Exportbereich für uns ein
absoluter Wachstumsbereich. Im Übrigen wird die Diskussion
in Bezug auf die EU-Erweiterung um die Länder Mittel- und
Osteuropas völlig falsch geführt. Wir profitieren in
vielen Bereichen auch von der Erweiterung der Europäischen
Union in Richtung Mittel- und Osteuropa.
Wir sind in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge
Exportweltmeister. Trotz der großen Konkurrenz gerade aus
Fernost ist es in den vergangenen Jahren sehr gut gelungen,
unsere Weltmarktanteile zu halten und auszuweiten. Deshalb sind
wir aus eigenem Interesse verpflichtet, die
Welthandelsverhandlungen voranzubringen. Deshalb werden wir uns
mit Nachdruck für einen Erfolg der DOHA-Runde einsetzen.
Die Zeiten dafür sind nicht ganz leicht. Aber es gibt noch
ein kleines Zeitfenster. Wir sollten uns wenigstens nicht
vorwerfen lassen, es nicht versucht zu haben.
Ein zentraler Punkt in diesem Zusammenhang sind die
transatlantischen Handelsbeziehungen. Die wirtschaftlichen
Verflechtungen zwischen den USA und der Europäischen Union
sind auf der einen Seite sehr eng. Auch hier sind durch die
gegenseitigen Direktinvestitionen Millionen von
Arbeitsplätzen auf beiden Seiten des Atlantik geschaffen
worden. Aber es gibt andererseits, wenn man sich den
Marktbereich Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika
ansieht, noch eine Vielzahl von
Verbesserungsmöglichkeiten. Ich denke dabei an
Produktstandards, an Kapitalmarktregulierungen, die wir derzeit
in Europa und in den USA sehr unterschiedlich entwickeln -
nicht immer mit der Wirkung, dass es für die Firmen
einfacher wird. Wenn ich daran denke, dass wir zum Beispiel das
gemeinsame Interesse haben, den Schutz des geistigen Eigentums
gegenüber Dritten zu vertreten, dann sind wir gut beraten,
vieles an dieser Stelle auch gemeinsam in Angriff zu
nehmen.
Die österreichische Präsidentschaft hatte auf dem
EU-Amerika-Gipfel einen gemeinsam EU-Amerika-Markt schon einmal
auf die Tagesordnung gesetzt. Ich glaube, wir haben bei dem in
Amerika stattfindenden EU-Amerika-Gipfel während der
deutschen Präsidentschaft eine gute Möglichkeit,
diesen Punkt fortzusetzen. Klar muss sein: Er ist nicht, wie
manche behaupten, gegen die DOHA-Runde gerichtet. Er ist nicht
gegen multilaterale Abkommen gerichtet. Aber da, wo sich
Gemeinsamkeiten ergeben, da, wo sie für uns beide als
Partner produktiv sind, sollten wir diesen Prozess
voranbringen.
Wir brauchen natürlich insbesondere in Bezug auf die neu
entstehenden Wirtschaftsmächte - ich denke an China und an
Indien - auch ein sehr einheitliches Vorgehen in vielen
Bereichen. Eine zentrale Voraussetzung für unsere
wirtschaftliche Entwicklung ist das Thema, das in den letzten
Jahren und auch in den letzten Monaten immer wieder auf der
Tagesordnung gestanden hat: Die Energieversorgung. Deshalb
möchte ich die Energiepolitik als ein drittes Beispiel
nennen, bei dem wir ein gemeinsames Interesse daran haben, eine
einheitliche Position zu vertreten. Die Energiepolitik ist
keine vergemeinschaftete Politik - ich will der Kommission hier
nicht etwa neue Kompetenzen geben -, aber es ist unbestritten,
dass die Energiepolitik ein Thema ist, das die Entwicklung der
Europäischen Union insgesamt sehr beeinflussen und auch
prägen wird.
Wir wissen: Die Europäische Union hat eine Reihe von
Hausaufgaben zu erledigen. Die Binnenmarktrichtlinien zu Strom
und Gas sind nicht vollständig umgesetzt. Es ist immer
noch ein zum Teil auch mentales Problem, den Binnenmarkt in
einem Bereich dessen, was als Daseinsvorsorge empfunden wird -
bei der Energieversorgung -, durchzusetzen. Jüngste
Eingriffe der Kommission haben uns das intensiv vor Augen
geführt.
Wir müssen gemeinschaftlich in den Bereichen
Energieeffizienz und bei den erneuerbaren Energien vorankommen,
die aus meiner Sicht nicht nur aus Klimaschutzgründen von
allergrößter Notwendigkeit sind, sondern sie sind
auch ein Gebot ökonomischer und vor allen Dingen
sicherheits- und friedenspolitischer Vernunft. Denn wenn wir
uns anschauen, wo die Öl- und Gasreserven konzentriert
sind, so ist dies in wenigen Ländern. Ein großer
Teil von ihnen hat in der jeweiligen Region ein erhebliches
Konfliktpotenzial. Deshalb muss es unser Interesse sein, eine
nachhaltige Energieversorgung anzustreben. Natürlich
bedarf es hier an vielen Stellen des Umdenkens. Diese Fragen,
wie abhängig wir sein wollen, wo wir auch
Abhängigkeiten reduzieren können, sollten uns
beschäftigen und umtreiben. Das heißt nicht, dass
ich die Illusion nähren möchte, Europa könne von
Energieimporten unabhängig werden. Aber in der Frage der
Energieaußenbeziehungen ist das Sprechen mit einer Stimme
von entscheidender Bedeutung.
Deshalb wollen wir erreichen, dass wir gerade in Bezug auf
Russland bei der Verhandlung eines neuen Kooperations- und
Partnerschaftsabkommens das Energiekapitel mit klaren
Grundsätzen ausgestattet formulieren. Russland ist derzeit
nicht bereit, das Transitprotokoll der Energiecharta zu
ratifizieren. Wir würden uns dies aber wünschen.
Wenn es um die Kooperation geht, brauchen wir Sicherheit -
nicht nur für einzelne Länder, sondern für die
gesamte Europäische Union. Ich sage immer: Es darf keine
Projekte geben, die gegen andere gerichtet sind; es darf keine
Mitgliedsstaaten der Europäischen Union geben, die den
Eindruck haben, dass wir hier nicht mit einer Stimme sprechen
Wir sollten stattdessen dieselben Ziele verfolgen. Insofern war
es von großer Bedeutung, dass unlängst der russische
Präsident an den Beratungen des Europäischen Rates in
Lahti teilgenommen hat. Beim gemeinsamen Mittagessen, bei dem
wir uns auf dieses Treffen vorbereitet haben, haben wir noch
einmal sehr intensiv unsere gemeinsamen Interessen ausgelotet
und vielleicht auch einigen Mitgliedsstaaten Ängste nehmen
können, die denken, dass hier jeder seine Karte
spielt.
Ich glaube, man kann keine einheitliche Wirtschaftspolitik,
keinen Binnenmarkt haben, bei dem anschließend jeder um
seine Energieversorgung bangen muss. Das muss ganz klar sein im
Gesamtverständnis der Europäischen Union, wenngleich
die Frage der europäischen Netze - wie wir letztes
Wochenende erlebt haben - noch immer nicht vollkommen
geklärt ist, wobei die skurrilsten Engpässe auftreten
und man gar nicht weiß, wer zu wem wie viele Elektronen
durchleiten kann. Dabei sind Fragen der Versorgung mit Erdgas
und bezüglich der festen Pipeline-Systeme noch sehr viel
schwieriger zu handhaben. Aber ich beklage auch, dass das
Verständnis für die Fragen, wie viel Energie wir
brauchen werden, welches Land wie abhängig ist, welche
Philosophie wir verfolgen und ob wir dies nicht ein Stück
aufeinander abstimmen sollten, noch sehr mangelhaft
ausgeprägt ist.
Wir führen jetzt in Deutschland einen Energiedialog.
Unbeschadet der unterschiedlichen Auffassungen in der
Großen Koalition zur Kernenergie halte ich es für
außerordentlich wichtig, dass wir uns Gedanken nicht nur
bis zum Ende der Legislaturperiode, sondern bis zum Jahre 2020
machen: Wie abhängig werden wir denn sein? Welche unserer
Unternehmen kooperieren denn? Wie stellen wir uns die
Energieversorgung vor? Wie groß kann der Anteil
erneuerbarer Energien sein? Wo müssen wir jetzt
investieren, um in fünf oder zehn Jahren Erfolge zu haben?
Die Entwicklungen in diesem Bereich sind unglaublich
langfristig. Deshalb ist mir dieses Thema ein wirkliches
Herzensanliegen.
Wir werden natürlich auch darauf achten, dass
Energielieferungen niemals machtpolitisch missbraucht werden
können. Auch da muss mit einer Stimme gesprochen werden.
Dabei darf es keine falsche Bescheidenheit geben. Wir
müssen auch bei unseren Partnern in den USA auf einen
nachhaltigen Umgang mit Energie drängen. Wir werden im
Frühjahr 2007 in der Europäischen Union einen
Energie-Aktionsplan auch auf der Grundlage von Mitteilungen der
Kommission verabschieden.
Da ich unsere amerikanischen Partner hier schon angeführt
habe, komme ich von der Energiepolitik gleich noch zu meinem
vierten Beispiel, zur Klimapolitik. Ich glaube, wir sollten
auch den Klimawandel als gesamteuropäische
Gesamtherausforderung begreifen. Nationale Anstrengungen werden
hier überhaupt nicht helfen. Nirgendwo sonst als beim
Klimawandel kann man mehr sehen, dass es sich hier um eine
globale Herausforderung handelt. Die Europäische Union
kann auch hier wieder mit einer Stimme sprechen und in die
internationalen Verhandlungsprozesse wieder etwas Dynamik
bringen.
Ich habe als Umweltministerin und Präsidentin der ersten
Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention das
„Berliner Mandat“ verhandelt. Das war die Grundlage
des Kyoto-Protokolls. Das Kyoto-Protokoll wird im Jahre 2012
auslaufen. Das heißt, wir brauchen jetzt dringend - in
dieser Woche findet bereits die Konferenz in Nairobi statt -
einen Anschlussprozess. Ich weiß sehr wohl, dass die
Ansichten zum Thema Klimaschutz, die Frage, ob das eine
wirkliche Bedrohung ist, nicht von allen gleichermaßen
geteilt werden, glaube aber, die wissenschaftliche Evidenz wird
immer stärker. Wenn es jemand gar nicht glauben mag oder
die Wahrscheinlichkeit eines Klimawandels als immer noch gering
ansieht, kann ich ihn auf das vorige Kapitel verweisen und
sagen: Energie sparen, mehr Energieeffizienz ist mit Sicherheit
nichts Falsches. Insofern lohnt es sich allemal, sich mit
diesem Thema zu beschäftigen und vor allen Dingen auch um
interessante Instrumente zu ringen.
Wir haben in Deutschland schon viele Wege zu gehen versucht.
Wir sind jetzt, glaube ich, beim interessantesten Instrument
angekommen, das auch von der Wirtschaft geliebt wird. Aber
welche Innovation ist schon von der Wirtschaft geliebt, wenn
sie nicht von der Wirtschaft selbst kommt? Insofern, Herr
Oetker, glaube ich, dass der Emissionshandel ein ganz
interessantes Instrument ist, bei dem wir nur aufpassen
müssen, dass wir die verschiedenen Instrumente zwischen
Ordnungspolitik, Besteuerung und Handelsinstrumenten in eine
Harmonie bringen.
Wir wissen natürlich auch, dass die EU die Klimaprobleme
dieser Welt niemals allein lösen kann. Trotzdem glaube
ich, dass wir aus gut verstandenem Eigeninteresse Vorreiter
sein sollen, denn Sie können sehen - ich konnte das in den
letzten zehn Jahren sehr gut beobachten -: Die Diskussion um
Umweltprobleme und um CO2-Emission wird sich in den Regionen,
die heute großes Wirtschaftswachstum aufweisen - China,
Indien - unglaublich verstärken. Diejenigen, die
Umwelttechnologien haben, werden davon profitieren. Wir
profitieren zum Teil heute schon davon, dass wir die
Rauchgasentschwefelung eingeführt haben, dass wir eine
hohe Effizienz bei den Kraftwerken haben. Genauso wird es bei
der CO2-Emission sein. Diejenigen, die heute die beste
Technologie haben, werden die Exportweltmeister der Zukunft
sein. Deshalb glaube ich, dass wir mutig an dieses Thema
herangehen sollten.
Die britische Regierung hat in der letzten Woche den so
genannten Stern-Report vorgestellt, der auf sehr eindrucksvolle
Weise zeigt, dass es teuer ist, etwas gegen den Klimawandel zu
tun - ja, es kostet Geld -, aber dass die Preise, die wir
zahlen müssen, wenn wir nichts tun, mit ziemlich hoher
Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher sind. Nun kann
man sagen, diese Preise sind delokalisiert. Man kann nicht
sagen, wen sie dann genau treffen. Aber das wäre ein sehr,
sehr verantwortungsloses Vorgehen. Eine Welterwärmung,
eine Temperatursteigerung um 2 Grad als Obergrenze anzusehen,
sollte wirklich unser gemeinsames Ziel sein. Damit ist das, was
wir tun, schon nicht risikolos.
Der Bundesumweltminister hat uns am Sonntag, als wir über
diesse Thema gesprochen haben, sehr eindrücklich
dargestellt, welche irreversiblen Folgen heute schon
eingetreten sind. Der Gletscher auf der Zugspitze ist zwar noch
da, ist aber nicht mehr zu retten. So ist es bei vielen anderen
Dingen. Wenn Sie wissen, dass Sie heute völlig
veränderte Trocken- und Regenzonen haben, dann ist das zum
Beispiel - auch in Deutschland - für einen Bereich wie die
Forstwirtschaft von entscheidender Bedeutung; etwa auch
für die Frage, ob es in der Uckermark in 40 Jahren noch
die Voraussetzungen gibt, dass Eichen wachsen, oder ob es diese
Voraussetzungen nicht mehr gibt. Denn heute werden die
Bäume gepflanzt, die in hundert Jahren gefällt werden
sollen. Investitionen in die Zukunft sind heute absehbar schon
nicht mehr so zu machen. Deshalb kann ich uns alle nur
auffordern: Lassen Sie es uns marktwirtschaftlich
vernünftig, aber als Problem erkennen, sonst werden wir
viel, viel größere Probleme haben.
Ich glaube, mit meinen Beispielen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik, Welthandel, Energieversorgung mit den
Komponenten der Energieaußen- und Energieinnenpolitik und
mit dem großen Thema Klimawandel habe ich gezeigt: Dies
alles sind Herausforderungen, die kein Land allein bestehen
kann. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis
der Europäischen Union, die sich dafür gemeinsam ins
Zeug legt. Dies müssen wir den Bürgerinnen und
Bürgern klarmachen und wegkommen von den ersten Jahren der
Binnenmarktentwicklung, in der sich im Wesentlichem alles um
irgendwelche Richtlinien gedreht hat, die viel Verdruss
bereitet haben. Nun will ich nicht all die schönen
Richtlinien niedermachen, aber sie haben zu Verdruss
geführt.
Die Frage der Regelungsdichte - um nicht das böse Wort
Regelungswut zu gebrauchen - ist in Europa noch nicht
vollständig gelöst. Ich bin dem Europäischen
Parlament sehr dankbar, dass es in den letzten Jahren auch
verstärkt hingeschaut hat, ob man die
Sonnenschirmbestückung in Biergärten europaweit
einheitlich regeln muss, weil die Beschwernisse einer
spanischen Gewerkschaft über zu viel Sonne auf der Insel
Rügen nur sehr bedingt und in Irland wahrscheinlich
überhaupt nicht geteilt werden.
Deshalb muss sich Europa auf das konzentrieren, was allein
nicht machbar ist. Das ist im Übrigen, wenn ich das
für Deutschland sagen darf, eines der Erfolgsrezepte der
deutschen föderalen Ordnung oder des
Subsidiaritätsprinzips: Man versucht, die Aufgaben immer
nahe beim Menschen zu lösen, aber wenn eine höhere
Ebene gebraucht wird, weil nur sie eine Aufgabe wirklich
lösen kann, diese Aufgabe dann auch an diese höhere
Ebene zu delegieren. Deshalb werden wir in unserer
Präsidentschaft in Bezug auf diese wichtigen Themen, die
ich genannt habe, ganz besonders die Anstrengungen für das
so genannte Projekt „better regulation“ - bessere
Rechtsetzung - unterstützen. Dahinter verbirgt sich in
Deutschland das Wort Bürokratieabbau. Es geht also um den
Entschluss der Europäer, der Europäischen Union - ich
hoffe, inklusive aller Beschäftigten der Kommission -,
nicht immer nur den Acquis Communitaire zu
vergrößern, aufzuhäufen, sondern auch dazu
bereit zu sein, etwas, was nicht oder nicht mehr gebraucht
wird, wieder abzuschaffen. Nationale Rechtsetzung funktioniert
so.
Wenn ich mir einen besonderen Wunsch erfüllen
dürfte, würde ich mich sehr dafür einsetzen,
dass das Prinzip der Diskontinuität bei der Schaffung
europäischer Richtlinien eingeführt wird. Das
heißt, wenn ein neues Parlament gewählt wird, dann
verschwindet - wie in jedem nationalen Parlament - das noch
nicht verabschiedete Gesetz bzw. in Europa die entsprechende
Richtlinie erst einmal und kommt erst wieder auf die
Tagesordnung, wenn das neue Parlament findet, dass sie dringend
beraten werden muss. In Europa geschieht das heute nicht: Es
kann gewählt werden und trotzdem überlebt die
Richtlinie und wird immer wieder zur Beratung vorgelegt.
Die Menschen haben ein sehr feines Gespür dafür, ob
wir uns auf die wichtigen Themen konzentrieren oder auf die,
die nicht ganz so wichtig sind. Die Menschen haben auch ein
feines Gespür dafür, ob wir nur an Sonntagen von der
Einigkeit Europas reden oder ob wir dies bei den großen
Fragen auch mit einer Stimme praktizieren. Die deutsche
Präsidentschaft wird versuchen - ich glaube, es gibt den
guten Willen auch aller anderen -, die Herausforderung an
diesen Stellen zu bewältigen, weil wir an anderen Stellen
die Erfahrung gemacht haben, dass es uns allen nutzt, wenn wir
zusammenstehen, und dass es uns bitter schaden kann, wenn wir
zerstritten sind.
In diesem Sinne hoffe ich, dass uns alle, die außen-,
sicherheits-, europa- und sonstig politisch interessiert sind,
auf diesem Weg unterstützen. Wir werden versuchen, mit
dem, was wir tun, Menschen auch zu zeigen, dass wir uns um ihre
wichtigen Probleme, um ihre wichtigen Anliegen kümmern. In
diesem Sinne danke ich für Ihre Einladung und wünsche
Ihnen viel Erfolg in den wissenschaftlichen Studien. Und bitte
formulieren Sie sie so, dass ab und zu auch Laien daran
partizipieren können. Herzlichen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit!
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