Das Thema Energiesicherheit hat in den letzten Jahren stetig an Bedeutung zugenommen. In der jüngsten Vergangenheit haben der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine sowie die Kontroverse über den Bau der Ostseepipeline dieses Thema an die Spitze der politischen Agenda gesetzt. Um dem Thema Energiesicherheit gerecht zu werden und um über die künftige Sicherung einer bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung für Deutschland und Europa zu debattieren hat Shell den „Shell Energie-Dialog“ ins Leben gerufen. Zum Auftakt der zunächst auf 10 Veranstaltungen geplanten Reihe kamen am 1. Februar 2007 weit über 400 Gäste. Der 1. Shell Energie-Dialog wurde in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik präsentiert.
Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Shell Holding GmbH, Kurt Döhmel, unterstrich in seiner Einleitung, dass Shell zwar einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung und zum Klimaschutz leisten könne, dabei aber auf eine breite Unterstützung durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angewiesen sei. Die Veranstaltungsreihe „Shell Energie-Dialog“ solle eine breite Einsicht in die zentralen Probleme und Handlungsoptionen unserer heutigen und künftigen Energieversorgung geben und somit die Voraussetzung für ein erfolgreiches, gemeinsames Handeln schaffen, so Döhmel.
Der erste Referent, Karl Rose, Senior Strategy Advisor der Royal Dutch Shell in London, erläuterte die Shell-Szenarien zur Entwicklung der Energieversorgung, die sich den verschiedensten nationalen und internationalen, wirtschaftlichen und politischen „Zukünften“ widmen. Dabei ging er insbesondere auf drei mögliche Entwicklungsperspektiven – das so genannte Trilemma – nicht nur für Energieversorgung und Energiesicherheit im Speziellen, sondern auch die Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung im Allgemeinen ein.
Die damit verbundenen Dilemmata kennzeichnen sich entweder durch eine sogenannte. „low trust globalisation“ aus, bei der die fortschreitende Globalisierung stärker staatlich reguliert und die Wirtschaftsbeziehungen renationalisiert und zu Wachstumseinbußen sowie geringerer Wirtschaftsentwicklung führen würden. Demgegenüber sei das zweite Szenario einer „open doors“-Entwicklung durch eine fortschreitende Globalisierung mit umfassendem weltweiten Wirtschaftswachstum gekennzeichnet, das nicht durch staatliche Vorgaben reguliert ist, sondern durch privatwirtschaftliche freiwillige Selbstverpflichtungen koordiniert wird. Im dritten möglichen Szenario – dem sogenannten „flags“-Szenario – komme es zu einer Verlangsamung der Globalisierung bei gleichzeitigem Bedeutungsgewinn nationalstaatlicher Regulierung, verbunden mit Protektionismus und einer zunehmenden Betonung nationalstaatlicher Souveränität.
Je nach Szenario wird sich, so Karl Rose, nicht nur die Wirtschaft im Allgemeinen, sondern auch die Energieversorgung unterschiedlich entwickeln. Wenngleich diese in jedem Fall einen steigenden Energiebedarf insbesondere in den Schwellenländern zur Folge hat, sei eine zunehmende Interdependenz zwischen der weltweiten Energie- und insbesondere der Ölnachfrage und Wirtschaftswachstum sowie eine Zunahme der Bedeutung von Energiesicherheit in vielfältigen Politikbereichen zu erwarten. Darüber hinaus sei bereits in der Gegenwart das Agieren neuer Akteure – namentlich in Form der Energielieferanten wie Russland, der Mittlere Osten etc. – aufgrund der steigenden Einnahmen aus dem Energieexport auffällig, die ihre Interessen zunehmend in den internationalen Agenda-Setting-Prozess einbringen und so die Zukunft zunehmend determinieren oder zumindest stark mitbestimmen. In diesem Zusammenhang sei aufgrund der politischen Präferenzen der Energielieferstaaten eine Renaissance des Staates auf dem Energiemarkt zu erwarten. In diesem Kontext empfahl Karl Rose, die Energiepolitik auch in den westlichen Staaten in den Politikbereich der Außenpolitik zu integrieren. Am leichtesten sei Energiesicherheit allerdings – so die Analyse von Shell – unter den Bedingungen einer „open doors“-Globalisierung, das heißt einer Globalisierung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen statt staatlicher Regulierung, zu gewährleisten, da in diesem Szenario der nationale und der internationale Energiemarkt nach veritablen Markt- und Wettbewerbsbedingungen auf der Basis des Preismechanismus funktioniere. Dies führe nicht nur zu einem Ausgleich zwischen den Interessen der Energieanbieter und Nachfragen, sondern ermögliche auch die Internalisierung externer Effekte, insbesondere im Umweltbereich (vor allem der CO2-Problematik).
In seinem Vortrag analysierte Dr. Frank Umbach, Resident Fellow und verantwortlich für das Programm Asien-Pazifik und internationale Energiesicherheit der DGAP, zunächst die weltweiten Tendenzen einer zunehmenden Energieunsicherheit, wie sie nicht zuletzt im russisch-ukrainischen Gaskonflikt 2006 und dem aktuellen Irankonflikt deutlich geworden sei. Dies habe sich aus seiner Sicht auch in der kürzlich veröffentlichten EU-Energiestrategie und den Empfehlungen der Europäischen Kommissionen für den Märzgipfel des Europäischen Rates niedergeschlagen. Dazu würde insbesondere die steigenden Energienachfrage, namentlich seitens der Schwellenländer in Asien gehören. Diese Nachfrage werde sich bis 2030 trotz aller internationalen Bemühungen um die Förderung alternativer Energiequellen weiterhin auf traditionelle fossile Rohstoffe stützen müssen, was zu einem verschärften globalen Wettbewerb um Rohöl- und Erdgasressourcen führe. Gleichzeitig aber habe aber auch die Debatte um die Umweltverträglichkeit der Energieversorgung in der EU deutlich zugenommen.
Des Weiteren standen auch geopolitische und geoökonomische Risikofaktoren im Mittelpunkt seiner Analyse. Dies seien neben einer einseitigen Konzentration der verbleibenden Rohöl- und Erdgasressourcen in der Region des „Größeren Mittleren Osten“, in der auch aus Sicht vieler arabischer Wissenschaftler zukünftig die politische Instabilität eher noch weiter drohe zuzunehmen, auch eine zunehmende Gefährdung der Energieinfrastruktur durch den internationalen Terrorismus. Aber auch politische Entwicklungen innerhalb der Energieförderländer, insbesondere zunehmende innenpolitische Konflikte und eine Renationalisierung der Energieförderung, sowie Verschiebungen im Machtverhältnisses zwischen Energieproduzenten und -konsumenten, woraus bereits heute ein „Verkäufermarkt“ entstanden sei, werden, so Frank Umbach, die globale und europäische Energiesicherheit in Zukunft zunehmend beeinflussen.
Schlussfolgernd plädierte Umbach unter Bezugnahme auf die im Januar von der EU-Kommission veröffentlichte europäische Energiestrategie, die insbesondere auf mehr Nachhaltigkeit, eine Diversifizierung des Energiemixes, der Importe und der Transportrouten sowie eine Liberalisierung des Energiebinnenmarktes und eine gemeinsame Energieaußenpolitik setze, für eine realistischere Sicht und pragmatischere Energiepolitik Deutschlands – nicht zuletzt im Kontext seiner aktuellen in EU-Ratspräsidentschaft und G-8-Präsidentschaft. Deutschland müsse, so betonte er, stärker die globalen politischen Realitäten der internationalen Energieversorgung wahrnehmen, um adäquat und mittels einer nachhaltigen Strategie auf kommende Herausforderungen reagieren zu können. Dabei sei aber eine allein nationalstaatliche Energie und Energieaußenpolitik völlig unzureichend und müsse daher auf der EU-Ebene organisiert werden.
Im Anschluss an die beiden Vorträge folgte eine lebhafte Diskussion, moderiert von Andreas Mihm, Wirtschaftsredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Debattiert wurden dabei insbesondere Fragen eines möglichen Ausstiegs aus dem Atomausstieg und der weltweiten Zukunft der Kernenergieoption (die Karl Rose vor allem von der gesellschaftspolitischen Akzeptanz abhängig sieht, während Dr. Frank Umbach sie zur Gewährleistung der zukünftigen Energieversorgungssicherheit und der Klimaproblematik als notwendig betrachtet und daher für eine realistischere Perspektive für die Thematik plädiert).
Des Weiteren standen vor allem globale Rahmenbedingungen der Energiesicherheit im Zentrum des Interesses, sei es in Form der zukünftigen Rolle Afrikas als Energielieferant, die – so Frank Umbach – allzu lange von den europäischen Staaten ignoriert wurde und erst aufgrund des zunehmenden Engagements Chinas in den afrikanischen Staaten nun verstärkt diskutiert werde. Dabei verwies er auch auf die Risiken eines zu starken politischen europäischen Engagements für Demokratisierung und Good Governance, welches letztlich eben jene Staaten zu einer Hinwendung zu anderen Partner wie China (aufgrund seiner Nichteinmischungspolitik in die Innenpolitik dieser vielfach autoritären und korrupten Staaten) bewegen würde. Dann hätten die europäischen Staaten aber gar keine politische Einflussmöglichkeit mehr, was letztlich nicht nur die Nachhaltigkeitsausrichtung der europäischen Entwicklungspolitik (Demokratieexport, Menschenrechte, Good Governance etc.) selbst, sondern auch die europäische Energieversorgungssicherheit in Frage stelle. Eine solche Energiepolitik sei aber von enormer strategischer Bedeutung und müsse, wenn schon nicht supranational, dann zumindest intergouvernemental im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorangebracht werden.
Aber auch die Thematik alternativer Rohstoffe oder moderner Energieproduktionsverfahren interessierte die Teilnehmer des Energie-Dialogs, wobei Kurt Döhmel ein weiteres Engagement für eine Steigerung der Effizienz sowie die technologische Weiterentwicklung dieser Energiequellen, für das sich insbesondere Shell engagiert, anmahnte, um neue daraus resultierende Folgeprobleme zu vermeiden. Umfassende Investitionen in die Forschung in diesem Bereich seien daher, so betonte Karl Rose, unumgänglich und von enormer Bedeutung für die künftige Energiesicherheit in Deutschland und der EU. Dabei stelle sich auch die Frage, inwieweit die kürzlich von den USA ausgegebene Strategie zur vermehrten Nutzung alternativer Rohstoffe und damit zur Reduktion der Abhängigkeit von Öllieferungen insbesondere aus der arabischen Welt, realisierbar wäre.
Auch die Schlussworte von Fritjof von Nordenskjöld, dem geschäftsführenden stellvertretenden Präsidenten der DGAP, hoben noch einmal die besondere Bedeutung der Energiefrage in der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte sowie das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit hervor. Fragen der Energieversorgung und der Energiesicherheit, aber auch damit korrelierende Themenbereiche wie die Umwelt- und Klimapolitik würden, so wurde auf der Veranstaltung einmal mehr deutlich, in Zukunft an politischer Relevanz weiter hinzugewinnen. Die DGAP werde sich zukünftig noch stärker als bisher diesen Fragen widmen und hoffe, die gemeinsame Zusammenarbeit mit Shell aber auch anderen Energieunternehmen in diesem Sinne zu stärken und auszubauen.
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