Am 25. November 2003 fand in der DGAP ein Treffen mit dem Distinguished Fellow des US Centers for Security Policy, früher: RAND Corporation, Herrn Alexander Alexiev, zum Thema “Radikal Islam” statt. Alexiev, der bis heute sehr gute Kontakte zu den höchsten Regierungskreisen in den USA pflegt, kritisierte die Taktik der USA im Kampf gegen den Terrorismus seit dem 11. September 2001.
Nach Alexiev, sieht der Westen den radikalen Islamfälschlicherweise als ein Phänomen des vergangenen Jahrhunderts, das durch Prozesse wie die Auflösung des Osmanischen Reiches, die Gründung des Staates Israel, die Entdeckung des Ölvorkommens im Nahen Osten sowie die Globalisierungsprozesse verursacht wurde. Doch, obwohl der mit dem radikalen Islam verbundene Terrorismus erst seit ca. 30 Jahren bekannt ist, ist die Geschichte der Radikalisierung des Islams ein sich bereits über mehrere Jahrhunderte vollziehender Prozess. Diese Entwicklung blieb im Westen deshalb lange unbekannt, weil sie sich innerhalb des muslimischen Raumes abspielte und nicht nach außen gerichtet war.
In der Wahrnehmung der USA und Europa hat die Verbreitung des radikalen Islams zuerst als Export der radikalen Ideologie aus dem Nahen Osten begonnen. Eine Ausbreitung diese Strömung war dank der Petrodollars aus dem florierenden Ölgeschäft möglich. Nach Schätzungen der CIA haben z. B. die Saudis seit 1975 mehr als 87 Milliarden Dollar in den “Ideologieexport” investiert. Das beträgt ca. 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr und geht sogar über die früheren sowjetischen Ausgaben für die außenpolitische Propaganda (ca. 1 Milliarden Dollar im Jahr). Doch diese Drohung wurde im Westen anfangs nicht ernst genommen. Die Ereignisse, die den Moslemraum so stark polarisiert haben, wurden viel zu spät in Europa und den USA als eine wachsende Gefahr wahrgenommen.
So sieht Alexiev den eigentlichen Feind des Westens in der wahabitischen Ideologie, die besonders in Saudi-Arabien verbreitet ist. Aber, so Alexiev, eine Konfrontation mit Saudi-Arabien können sich die USA aus mehreren Gründen nicht leisten. Als erster ist hier der geopolitische Faktor zu nennen: Saudi-Arabien besitzt die größten Ölreserven der Welt und trotz aller Versuche der USA sich durch das russisches oder kaspisches Öl abzusichern, wird das Königreich noch lange wichtigster Energielieferant und amerikanischer Alliierter in der Region bleiben. Zweitens spielen wirtschaftliche Interessen amerikanischer Firmen eine entscheidende Rolle. Ölkonzerne und Waffenhersteller machen seit mehreren Jahren höchst lukrativen Geschäfte mit Saudi-Arabien. Einige hohe Mitglieder der Bush-Administration vertreten bis heute die Interessen dieser Unternehmen. Aber die “saudische” Lobby ist nicht nur in der Administration stark. Auch im Senat und im Kongress sitzen genug Verteidiger und Lobbyisten der Saudis. Von den Risiken, die damit verbunden sind, versucht man sich in den USA abzulenken. Als dritter Faktor muss auch die hohe Loyalität der saudischen Monarchiefamilie gegenüber den USA berücksichtigt werden. Eine Entmachtung der Familie, könnte in einem Land, in dem der größte Teil der Bevölkerung in Opposition zur pro-amerikanischen Politik der Regierung steht, die Situation nur verschlechtern und das Land ins Chaos treiben.
Alexiev vertrat die Meinung, dass der “War on Terror”, den die USA seit dem 11 September 2001 gegen der al-Qaida/Osama Bin Ladens und jetzt gegen den Irak entfesselt haben, ein Kampf gegen ein Gespenst ist. Die Bush-Administration kann und will sich mit den tatsächlichen Feinden, der wahabitischen Ideologie und Saudi-Arabien, nicht auseinandersetzen. Deswegen sucht sie nach anderen Feinden: Bin Laden und Saddam Hussein. Natürlich darf man die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht unterschätzen. Doch im Kampf gegen den Terror hat Washington bislang kaum Terrornetze von radikalen Islamisten treffen können. Das haben die Anschläge auf Bali und in der Türkei gezeigt. Es gibt heute, genau wie vor 2 Jahren, Dutzende von anderen radikalislamistischen und terroristischen Organisationen, welche die gleiche gefährliche Ideologie vertreten. Sie nutzen die Taktik und Methoden der al-Qaida, sind aber in der Wirklichkeit unabhängig (z.B. Hisbollah, Jemaah Islamiyah etc.). In Folge dessen, ist der Kampf gegen den Terror noch schwieriger geworden, als er vor 2 Jahren war. Nach Alexiev, sollte sich der Westen mehr auf den Kampf gegen die radikalen Ideologien konzentrieren, als auf den Kampf gegen einzelne Terror-Organisationen und/oder Personen.
In seinem Vortrag erwähnte Alexiev noch einen Faktor, der sehr polemisch aufgenommen wurde. Seine These lautet wie folgend: der radikale Islam ist für die USA nicht mehr eine rein außenpolitische, sondern seit einiger Zeit auch eine innenpolitische Angelegenheit. Heutzutage gibt es je nach Schätzungen tendierend von 2 bis zu 7 Millionen Moslems in den USA. Viele von ihnen sind Anhänger des Wahabismus. So bekommt z.B. die mächtigste Moslemorganisation des Landes, der “Council American Islamic Relations”, ihr Geld direkt von Saudi-Arabien. Die ganze muslimische Infrastruktur, so Alexiev, ist in den USA von Wahabiten kontrolliert. Dank dem Geld aus Saudi-Arabien ist die Verbreitung des Islams in den USA sehr erfolgsreich geworden. Proselytismus ist das Hauptinstrument in diesem Kampf um Gläubige. In diesem Zusammenhang kann man sogar von der “fünften Kolonne” in den USA sprechen. Und die Existenz einer solchen ist in der Geschichte der USA ein Novum. Es galt immer nur den äußeren Feind zu bekämpfen. Heute aber sieht man sich in den USA mit der Tatsache konfrontiert, dass sich der Feind auch im eigenen Land befinden kann. Das ist für die immer politisch korrekten USA kaum zu verstehen und deshalb sind viele Amerikaner nicht bereit, das Problem unter diesem Blickwinkel anzugehen.
Aus diesem Grund konzentrieren sich die USA heute erstens auf Außenfeinde und zweitens auf solche, die für alle Interessengruppen im Land begreifbar sind. Doch um die Situation in Griff zu bekommen, muss, nach Alexiev, die Strategie im Kampf gegen den Terror verändert werden. Zunächst muss der Feind richtig definiert werden. Natürlich wäre es nicht richtig, alle Wahabiten gleich als Terroristen zu bezeichnen. Doch sollte man nicht vergessen, dass alle Terroranschläge der letzten Zeit von Vertreter dieser Ideologie verübt worden sind. Zweitens hat dieser Kampf laut Alexiev nichts mit Huntingtons “Clash of Zivilizations“ zu tun, da es sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Bekämpfung einer Ideologie handelt, die auf Gewalt setzt und nicht um den Kampf gegen eine friedliche Religion. Die Wahabitische Ideologie gefährdet nicht nur den Westen, sonder im Wesentlichen auch die muslimische Welt: als Beispiel kann Afghanistan, Pakistan oder Tschetschenien angeführt werden. Wenn es den USA und ihren Alliierten gelingen würde, diese Tatsache allen Moslems weltweit zu vermitteln, könnte im Kampf gegen den Terrorismus effektiver vorgegangen werden.
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