Commerzbank Berlin am 27.5.2003
Die russische Politik steckt weiterhin im Wechselbad der Gefühle. Wie stark – sollen die folgenden Ausführungen vermitteln. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Russland unter Wladimir Putin zu einem lukrativen Investitionsobjekt geworden ist, oder ob der westliche Unternehmer das Land weiterhin meiden muss.
Westliche Beobachter schätzen die russische Transformation unterschiedlich ein. In Deutschland gibt es zwei Denkschulen, welche die Lage oft sehr gegensätzlich analysieren. Die Einen schwärmen vom riesigen russischen Markt und sehen Russland in einigen Jahrzehnten als Teil der westlichen Zivilisation. Sie verweisen auf gemeinsame christliche Wurzeln und den gemeinsamen Aufbau der Architektur Europas im 19. Jahrhundert.
Die Anderen betrachten Russland als traditionellen Feind des Westens und als Störenfried der westlichen Wertegemeinschaft. Russland wäre viel zu groß und unberechenbar, um sich jemals in ein modernes Europa des 21. Jahrhunderts integrieren zu lassen.
Die Beschreibung der Vorgänge in Russland richtet sich nach der jeweiligen subjektiven Wahrnehmung des Beobachters – ob er das Feindbild Russland abgelegt hat oder weiterhin pflegt. Vor allem westliche Wirtschafts- und Finanzkreise zeigen sich angetan von der seit drei Jahren konstruktiv verlaufenden Modernisierung der russischen Wirtschaft. Wladimir Putin hat mit seiner pragmatischen Politik entscheidende Kurskorrekturen an der ehemaligen Jelzin-Linie vorgenommen, im Lande einen breiten Konsens geschaffen, Russland dem Westen weiter geöffnet und die Kreise der Mafia und Oligarchen entscheidend eingeengt. Russland verzeichnet in der Tat einen Zuwachs an Auslandsinvestitionen, wenn auch vornehmlich in den Energiesektor.
Andere sehen Russland immer noch als einen Mafia- oder Oligarchenstaat, ohne Rechtsbewusstsein und zivilisierte Spielregeln. Putins Modernisierungspolitik erachten sie als halbherzig und wenig konstruktiv. Ausgeprägt ist im Westen auch die Ansicht vom Polizeistaat mit dem ehemaligen KGB an der Spitze, der Russland aus der autoritären Herrschaftsform nicht entlassen wird.
Im Folgenden sollen zwei gegensätzliche Entwicklungsmodelle beschrieben werden, um die beiden „Denkschulen“ klarer darzustellen. Die Geschichte wird zeigen, welche Experten recht behalten: diejenigen die das Glas halbleer sehen, oder die das Glas als halbvoll bezeichnen.
Laut dem kritischen Bild existiert Demokratie und Marktwirtschaft in Russland nur als Fassade. Tatsächlich wird Russland von einigen wenigen mächtigen Industriekonzernen, denen oftmals nur ein „Oligarch“ vorsteht, beherrscht. Die andere Einflussgruppe stellen Militärs und Geheimdienstoffiziere dar, die unter Putin ihre verlorene Machtfülle zurückbekamen und an der Stärkung der Staatsmacht, nicht der Zivilgesellschaft Interesse haben.
Die Oligarchenherrschaft hat sich in Russland Mitte der 90er Jahre im Zuge der Privatisierung des ehemaligen Staatsvermögens der UdSSR ausgebildet. Die damalige Regierung von jungen Reformern, wie Anatolij Tschubajs, baute die Oligarchen künstlich zur neuen russischen Elite auf, damit sie einen mächtigen Gegenpol zu den damals politisch starken reaktionären kommunistischen Kräften bilden und Boris Jelzin an der Macht halten konnten. Die Demokraten der ersten Stunde, die Intellektuellen, die mit ihrer kritischen Meinungsvielfalt die Perestrojka-Ära geprägt hatten, die Studenten, die sich während des Augustputsches 1991 noch unter die Panzer warfen – sie alle wurden weggespült. Die Macht im Land ging in die Hände der neuen Hochfinanz – den so genannten Oligarchen – über, die fast alle ausschließlich aus der zweiten oder dritten Reihe der ehemaligen Parteinomenklatura, also der Herrschaftselite kamen. Charakteristisch für die neue Herrscherklasse war der Raubkapitalismus, mit dem die reichhaltigen Bodenschätze und die Industrieanlagen des Landes geplündert wurden.
Als Jelzins Kräfte schwanden, wurde er durch Putin ersetzt. Eine in den westlichen Massenmedien häufig vertretene These lautet: in der russischen Herrschaftselite ist es zu einer Verschmelzung der traditionell in Russland immer mächtig gewesenen Geheimdienstelite mit den neuen Oligarchen gekommen. Die Oligarchen mussten ihre politische Macht, die sie unter Jelzin im Land ausübten, abgeben, um ihre Finanzimperien weiter behalten zu können. Doch auch Putins Macht reicht nicht, um die Oligarchen zu schwächen und er muss sich zwangsweise mit ihnen arrangieren.
Man muss nur den letzten „Spiegel“ lesen, um das Bild von Oligarchenstaat Russland zu entdecken. Auftragsmorde an Politikern und Geschäftsleuten gingen unter Putins Regierung nicht zurück. Die Befriedung Tschetscheniens ist noch lange nicht abgeschlossen. Die politischen Institutionen sind gleichgeschaltet. In der Duma lassen sich zahlreiche Abgeordnete ihr Wahlverhalten von der Kremladministration oder Oligarchen bezahlen. Von einer unabhängigen Justiz kann, trotz Reformen, keine Rede sein. Die Pressefreiheit ist im Vergleich zur Jelzin-Ära eingeschränkt worden.
Manchem Beobachter bereitet es Sorgen, dass der Reformschwung, mit dem Putin im Jahre 2000 seine Modernisierungsstrategie begonnen hat, zunehmend schwächer wird. Wichtige Reformvorhaben sind auf die zweite Amtszeit – nach den Wahlen 2004 – verschoben worden. Die Entwicklung des Mittelstandes wird von Oligarchen und der alten Sowjetbürokratie behindert. Putin scheint an gewisse Absprachen mit seinem Vorgänger Jelzin so fest gebunden zu sein, dass er die Regierung noch immer nicht nach seinen Vorstellungen umformen kann.
Viele Schlüsselpositionen in der heutigen Regierung werden noch von Personen ausgeübt, die vor der Ernennung Putins zum Ministerpräsidenten im August 1999 ihre Ämter bekommen haben. In der Führung des Nationalen Sicherheitsrates sitzen Politiker, deren Aufstieg auf das Engste mit den Oligarchen verknüpft war. Putin vermochte es nicht, seinen Vertrauten an die Spitze der Generalstaatsanwaltschaft zu stellen. Versuche des Obersten Rechnungshofes unter dem Geheimdienstgeneral und ehemaligem Premier Sergej Stepaschin mehr Transparenz in die Praktiken der großen Finanzkonzerne zu bringen, hatten kaum zur Resonanz.
Das Gegengewicht zum Oligarchenregime bildet, laut diesem Entwicklungsmodell nicht die Bürgergesellschaft, der Mittelstand oder die Parteien. Nein, Putin hat nach seiner Machtübernahme großen Wert auf die Stärkung der Staatsgewalt gelegt und die Sicherheitsorgane mit größeren Kompetenzen ausgestattet. Der Präsidialapparat lenkt heute die Politik im Land, versucht liberale Reformen von oben durchzusetzen und mittels eines Prinzips der „gelenkten Demokratie“ einen Rechtsstaat in Russland aufzubauen. Das „System Putin“ besitzt in einem Land wie Russland Tradition und hat zahlreiche Anhänger. Nach einem Jahrzehnt Anarchie und Orientierungslosigkeit möchten die meisten Russen, dass der Staat für Recht und Ordnung sorgt – wenn nötig auch auf Kosten der liberalen Errungenschaften.
Für den westlichen Beobachter, der mit einem solchen Bild konfrontiert wird – und dies ist alltäglich in den westlichen Massenmedien – bleibt Russland ein Hort der Korruption, Kriminalität und Polizeimethoden. Westliche Politiker müßten sich fragen, ob ein halb-reformiertes Russland nicht für die Zukunft der Europäischen Union eine Bedrohung darstellt.
Doch stimmt dieses Bild?
Fakt bleibt allerdings, dass das Russland unter Putin sich im Gegensatz zu den Regierungsjahren Jelzins in einer nie geglaubten Art und Weise stabilisiert hat.
Zu den größten Errungenschaften Putins zählt die administrative Reform. Durch die neue Unterteilung der 89 Subjekte der Föderation in sieben Großgouvernements mit jeweils einem Sonderbevollmächtigten des Präsidenten an der Spitze konnte der sich nach dem Finanzkrach von 1998 abzeichnende Zerfall der Föderation aufgehalten und ein gemeinsamer Rechtsraum wieder hergestellt werden.
Im Mai 2001 wurde das liberalste Reformpaket der russischen Geschichte verabschiedet, deren Grundpfeiler ein vereinfachtes und unternehmerfreundliches Steuersystem und die Legalisierung des Privatbesitzes auf Grund und Boden war. In zähem Ringen mit der reformresistenten Bürokratie wurde eine Justizreform auf den Weg gebracht. Auch die schwierige Kommunalreform, die viel sozialen Zündstoff bietet, wurde angegangen – behutsam, im Gegensatz zu den radikalen Schritten der so genannten Jungreformer der ersten Stunde. Die Erhöhung der Effektivität der Wirtschaft hängt unmittelbar mit der Richtigkeit der Steuerreform zusammen. 2003-2005 soll für die Regierung zu einer Periode werden, da sich die Steuerreform auf die Beschleunigung der ökonomischen Prozesse auswirken soll.
Die neuen Machtverhältnisse in der Duma führten zu einer Etablierung einer politischen Mitte, der auch auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhte. Ein Jahrzehnt ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergangen. Für Russland war dieses Jahrzehnt einer der kritischsten Zeitabschnitte seiner neueren Geschichte gewesen. Der Verlust von einem Drittel des sowjetischen Territoriums, des Großmachtstatus, der Werte, sowie jeglicher Verbündeter ging einher mit einem wirtschaftlichen Zerfall, der einen überwiegenden Teil der Bevölkerung an den Rand des Existenz trieb. Verlustreich war auch der Weg heraus aus der Krise: demokratische Errungenschaften der Perestrojka-Zeit Ende der 1980er Jahre wurden aufgegeben, Kriminalität und Korruption griffen unverfroren nach der politischen Macht. Herrscher, Elite und die breite Gesellschaft verloren sich in der schwierigen Identitätssuche. Das Schlimmste scheint überstanden – Dank Putin. Deshalb bleibt er auch im vierten Jahr seiner Präsidentschaft im Volk sehr populär und hat bei den Wahlen im März 2004 keinen Konkurrenten zu fürchten.
Der Präsident ist politisch kaum angreifbar. Sein Modernisierungskurs wird von den liberalen Reformparteien mit getragen, auch wenn die Letzteren das Tempo der Reformen beschleunigen möchten. Die Kommunisten und Nationalisten unterstützen Putins Politik der Orientierung auf russische nationale Interessen und seinen Kurs auf die Stärkung der Staatsmacht.
Neben der administrativen Reform, der liberalen Wirtschaftsreform, dem Schaffen des gesellschaftlichen Konsensus kann sich Putin noch andere wichtige Verdienste zuschreiben.
Unter Putin ist Russland vom Westen unabhängiger geworden und ist der drohenden Schuldenfalle entkommen. Anders als unter Jelzin, zahlt Russland seine Auslandsschulden an den Westen regelmäßig zurück, im Jahre 2003 wird Moskau an den Pariser und Londoner Klub die Rekordsumme von 20 Milliarden Euro überweisen und einen beträchtlichen Teil der Altlasten begleichen. Die Arbeit des IWF ist in Russland vorerst beendet. Die internationale Kredit Rating Agentur Fitch hat den Status Russlands beträchtlich angehoben. Das Risiko in Russland zu investieren liegt momentan genauso hoch wie für Ägypten, El Salvador und den Philippinen. Russland hat fast zu solchen Ländern wie Kroatien und Mexiko aufgeholt. Auch die Stimmung der westlichen Investoren an den Börsen hat umgeschlagen, sie bewerten den Zustand der russischen Wirtschaft als zuversichtlich positiv. Der Ankauf von Aktien viel versprechender russischer Gesellschaften blüht. Russland ist zu einem der 10 führenden Länder für Werbeagenturen geworden.
Die Währungs- und Goldreserven steigen rapide an. Die Reserven der Zentralbank betragen fast 66 Milliarden Euro, die Gold—Valuta-Reserven der Regierung 40 Milliarden Euro. Die Inflation ist seit 4 Jahren eingedämmt. Das Land besitzt für den Fall möglicher Finanzkrisen ein solides Finanzpolster, das aus Verdiensten aus dem Energieexportgeschäft stetig wächst. Das Wirtschaftswachstum liegt seit Putin den Modernisierungskurs begonnen hat jährlich bei 5 Prozent und basiert längst nicht mehr an reinen Erlösen aus dem Öl- und Gasexport.
Putin baute seine Modernisierungspolitik auf drei Säulen auf: der Energiewirtschaft, dem Rüstungskomplex und dem Transport- und Kommunikationssektor. Alle drei Säulen haben sich hervorragend entwickelt und sind die „heulenden Antriebsmotoren“ der Konjunktur. Der wirtschaftliche Aufholprozess wird fortgesetzt, noch hat Putin in drei Jahren nur die Hälfte der sowjetischen Produktion erreicht.
Was die Energiewirtschaft angeht, hat Russland bei der Ölförderung fast Saudi Arabien – das Hauptförderungsland der Welt – erreicht. Neue Pipelines durchziehen das Land und pumpen das schwarze Öl gen Westen. An allen Ecken Russlands entstehen neue Ölterminals. Mit den USA scheint Russland eine feste Energiepartnerschaft eingegangen zu sein. Amerikaner und Briten haben in den letzten Wochen riesige Investitionen in die russische Ölwirtschaft getätigt. Amerikaner und Russen planen gemeinsam das arabische OPEC-Kartell auszuhebeln. Russland will im 21. Jahrhundert sein Öl und GAS auf die asiatischen Märkte liefern. Für die EU ist weniger das russische Öl als das Gas interessant. Auch auf diesem Gebiet entwickeln sich erste Konturen einer Gasallianz. Dank der Energiepolitik ist Russland auf dem Weg dazu, Energiesupermacht zu werden. Den Aufstieg Russlands kann nur noch ein dramatischer Ölpreisverfall auf dem Weltmarkt hindern.
Die zweite Säule der russischen Wirtschaft stellt heute wieder einmal die Rüstungsindustrie dar. Diese Branche erhält wieder Staatsaufträge, die Beschäftigten in den Rüstungsindustrien haben wieder Arbeit. Aus dem Rüstungskomplex erhofft sich Putin einen Innovationsschub für die russische Hochtechnologie. Auf dem Weltrüstungsmarkt hat Russland die Position der ehemaligen Sowjetunion zurück gewonnen.
Der dritte Motor der Putinschen Modernisierung ist der Transport- und Kommunikationssektor. Die Transsibirische Eisenbahn hat wieder die Funktion der Hauptbrücke zwischen Europa und Asien übernommen. Putins Modernisierungspolitik in dieser Branche führte dazu, dass der Kaspische Raum – in den 90er Jahren als Haupttransferroute für Güter zwischen EU und Asien konzipiert – seine ihm angedachten Funktionen wieder an Russland abgeben musste. Russland bildet heute wieder die Brücke zwischen den beiden Kontinenten und Wirtschaftssystemen. Die russische Regierung hat, dank des Ausbaus des Transport – und Kommunikationsnetzes – ein staatliches Langzeitprogramm für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des russischen Fernen Ostens wieder belebt.
Kurzum – der konsequente Reformkurs der Regierung unter Putin und ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum lassen Russland für westliche Anleger immer interessanter erscheinen. Nur muss die Struktur der Wirtschaft abgeändert werden, damit die einseitige Orientierung der Wirtschaft auf Rohstoffe überwunden wird. Um einen exklusiven Platz für das intellektuelle und technologische russische Produkt auf dem Weltmarkt zu bekommen, muss Russland die Wissenschaft und Bildung vorantreiben.
Doch das Wechselbad der Gefühle gegenüber Russland bleibt bestehen. Jahrzehntelang hatte die russische oder sowjetische Wirtschaft nur ein Außengesicht – das des bürokratischen Funktionärs aus irgendeinem Ministerium. Dies hat sich im heutigen Russland rapide gewandelt. Nicht die Beamten aus dem Wirtschaftsministerium sind heute die wirklichen Gesprächs- und Verhandlungspartner für westliche Konzerne, sondern die neuen Vertreter der russischen Privatwirtschaft.
Die Veränderungen in der russischen Unternehmerkultur sind bedeutend. Die meisten der Oligarchen haben sich dem zivilisierten Wirtschaftsprozess zugewandt. Die Ölfirma Jukos besitzt ein westliches Management. Internationale Standards setzen sich angesichts der Orientierung Russlands auf die Integration in die WTO im Geschäftsalltag und Unternehmensführung durch. Die Neokapitalisten, die den Raubtierkapitalismus im Russland nach der Wende prägten, müssen unter Putin nach anderen Spielregeln handeln, denn der größte Teil des Kuchens ist inzwischen verteilt.
Die russischen Unternehmer klopfen vehement an die Tür westlicher Märkte. Im vergangenen Jahr investierten russische Unternehmer 10 Milliarden US-Dollar in die amerikanische Wirtschaft – das zehnfache von amerikanischen Investitionen 2002 nach Russland. Nach den USA investierten russische Unternehmer vor allem in Zypern, den Virgin Inseln, den Niederlanden, Litauen, Belarus. Offensichtlich haben russische Unternehmer aber Probleme in EU-Staaten zu investieren, obwohl gerade die EU heute mit 40% der größte Handelspartner Russlands ist.
Seit 1998 stieg die Arbeitsproduktivität in den privatisierten Unternehmen – fast 80% der russischen Wirtschaft – um 40%, in den Staatsbetrieben nur um 10%. Die Einkommen in der Privatwirtschaft übersteigen das der in den staatlichen Betrieben um das Doppelte. In Russland gibt es inzwischen hoch gebildete marktwirtschaftlich orientierte Führungs- und Fachkräfte, die an einem stabilen Geschäftsklima und transparenter Firmenführung interessiert sind.
Russland wurde vor einem Jahr von Seiten der EU und USA des Status eines Landes mit einem marktwirtschaftlichen System – nach jahrelangem Ringen – zuerkannt. Der eigentliche Durchbruch wird aber mit dem Aufblühen des Mittelstandes – der zum eigentlichen Gerüst der russischen Wirtschaft werden muss – vollendet sein.
Was Russland heute aus Sicht des Westens noch fehlt, sind strukturelle Reformen wie die Bankreform oder die Demonopolisierung staatlicher und halbstaatlicher Monopole. Diese grundlegenden Reformen sollen in der zweiten Amtszeit Putins bewerkstelligt werden. Des Weiteren fehlen Russland westliche Auslandsinvestitionen. Die Verlangsamung des Tempos der Auslandsinvestitionen ist, so Premierminister Michail Kasjanow, das Haupthindernis für das Wirtschaftswachstum.
Um seine Modernisierungspolitik erfolgreich durchführen zu können, benötigt Russland ein stabiles Umfeld und enge partnerschaftliche Beziehungen zu den USA, EU und ASEAN Staaten. Erklärtes Ziel russischer Politik ist seit den 90er Jahren die Integration in die Weltwirtschaft. In seiner Amtszeit, die voraussichtlich bis 2008 gehen wird, kann Putin den russischen Beitritt zur WTO und die endgültige Aufnahme Russlands in die G-8 als große internationale Erfolge der Integration Russlands in die Weltgemeinschaft verbuchen. Vielleicht wird es ihm gelingen, auf einem bedeutenden Teil des früheren postsowjetischen Raumes eine neue Wirtschaftsunion mit der Ukraine und Kasachstan aufzubauen. Eine Beitrittsoption zur EU wird Russland bis 2008 kaum erhalten.
Die russische Außenpolitik führt den kritischen Beobachter ebenfalls oft ins Wechselbad der Gefühle. Es fällt beiden Seiten – Russland und dem Westen – schwer, Stereotypen aus der Vergangenheit abzubauen. Der Kalte Krieg hat bei den älteren Generationen tiefe Spuren und viel Misstrauen hinterlassen.
Deshalb wird Putins Politik der Westöffnung unterschiedlich gesehen. Es gibt im Westen zahlreiche Menschen, die glauben, dass eine Annäherung an Russland nicht notwendig ist. Den Russen kommt es oftmals vor, dass die EU-Bürokratie in Brüssel mit ihrem ständigen Aufbau von Handelsbarrieren gegenüber Russland das Ziel verfolgt, Russland irgendwo zu besänftigen, aber von der EU auf Distanz zu halten. Die Energieallianz zwischen der EU und Russland kommt einfach nicht richtig zustande. Um das Eis zu zerschlagen ist Putin in die volle Offensive gegangen und hat vorgeschlagen, jegliche Visen zwischen EU und Russland abzuschaffen.
Auf dem europäischen Kontinent spielen sich vor unseren Augen geopolitische Prozesse gigantischen Ausmaßes ab. West- und Ostmitteleuropa vollziehen eine historische Vereinigung in wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Hinsicht. In einigen Jahren wird die Perspektive „Vereinigte Staaten von Europa“ Realität. Russland ist von diesen Vereinigungsprozessen weitgehend ausgeschlossen, da es kein Mitglied der NATO oder EU werden kann. Dies bedeutet wiederum, dass das künftige Europa ein EU-Europa sein wird, mit Russland und anderen GUS-Staaten, wie der Ukraine und Belarus nach Eurasien abgedrängt. Oder kann sich Russland doch mit der EU arrangieren und in einigen Jahren oder Jahrzehnten zu einem Stabilitätsfaktor für den Osten des europäischen Kontinents werden?
Russland als Stabilitätspfeiler des europäischen Kontinents im Osten, ähnlich des amerikanischen Stabilitätspfeilers im Westen – eine absurde, eine utopische oder doch realistische Vorstellung? Oder kann und will Russland in ein EU-Europa, ähnlich wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, eingebettet werden? Die Perspektive, dass die zweitgrößte Atommacht der Welt zusammen mit der Supermacht Amerika in einem gemeinsamen Sicherheitsraum eingebunden ist, verspricht Stabilität. Aus heutiger Sicht scheint es jedoch wenig realistisch, dass Russland Souveränitätsrechte an ein EU-Europa oder die NATO abgeben will.
Russlands Hinwendung nach Amerika, die seit dem 11. September 2001 in der Außenpolitik ersichtlich ist, basiert auf der Suche nach einer Anerkennung als strategische Größe. Heute bieten die USA Russland auf der weltpolitischen Bühne mehr Zusammenarbeit an als die Europäer. Eine eigene europäische Strategie in sicherheitspolitischer Hinsicht abseits der Transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft zu entwickeln, wie es Frankreich, Russland und Deutschland kurz während der Irak-Krise versucht hatten, ist heute allerdings zum Scheitern verurteilt.
Langfristig bleiben aber Russland und die USA weltpolitische Rivalen – die EU und Russland nicht. Heute zieht Washington aus reinem Pragmatismus Russland zurück in die Anti-Terror-Allianz. Dort kann Russland den USA in vielen Fragen hilfreicher sein, als die Europäer. Doch gleichzeitig werden die USA ihre geopolitischen Interessen im Kaspischen Raum gegen Russland durchsetzen und die Eindämmung russischer Versuche, sich wieder als Großmacht zu manifestieren, verfolgen.
Die EU mag heute mit Russland in härtesten Tönen über den Tschetschenienkrieg sprechen und Visen für den Transitverkehr von und nach Kaliningrad verhängen, langfristig arbeitet sich die EU in ihrem eigenen Interesse an Russland heran, um mit diesem bedeutenden riesigen Nachbarn einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum zu gründen.
Ist Russland unter Putin zur politischen Normalität zurückgekehrt? Wird Russland für westliche Investoren nicht immer lohnender? Haben Pessimisten, die Russland noch sehr kritisch sehen, recht in der Annahme, dass in Bezug auf Russland noch Abwarten angesagt ist?
Mit der schwierigen Materie Russland muss sich der Westen im konkreter und detaillierter auseinandersetzen. Das Land befindet sich seit 2000 auf wirtschaftlich korrektem Weg. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass der Reform- oder Modernisierungskurs in der zweiten Amtszeit Putins verändert wird.
Die Eliten, die heute Russland regieren, mögen ein unterschiedliches Demokratieverständnis besitzen. Doch sie sind alle sehr pragmatisch. Die russische Herrschafts- und Managerelite ist sehr jung, der Generationswechsel hat an der Spitze der politischen Einrichtungen und Wirtschaftsstrukturen tatsächlich stattgefunden. Russland ist ein hochdynamisches Land, die Elite und Gesellschaft möchten den Anschluss an die Weltgemeinschaft. Es gibt keinen Weg zurück. Das Gespenst des Kommunismus scheint endgültig besiegt. Es gibt bald wirklich keinen Grund mehr, Russland zu meiden.
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