Die Formierung neuer Identitäten in der Ukraine

Montag 21. April 20:00 - 21:30
Ort: DGAP, Berlin

In einer gemeinsamen Veranstaltung des Zentrums für Mittel- und Osteuropa der Robert Bosch Stiftung der DGAP und der GESIS Servicestelle Osteuropa stellte die Ukrainerin Dr. Oksana Danylenko die Ergebnisse ihres 2007 erschienenen Buches „Die Sprache des Konflikts in einer sich transformierenden Gesellschaft: vom Interpretationskonflikt zur Formierung soziokultureller Identitäten“ vor.

Eines der Themen beim NATO-Gipfel vom 2.-4. April in Bukarest war die Aufnahme der Ukraine in den Membership Action Plan. Doch nicht alle Bürger des Landes sind von den gegenwärtigen westwärts gerichteten Ambitionen der ukrainischen Regierung begeistert. Aufgrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen und kultureller und sprachlicher Differenzen tendieren die Bewohner im Osten des Landes politisch wie kulturell eher zu Russland, die Westukrainer dagegen eher gen Europa und NATO. Diese Konstellation bildet die Grundlage für die wissenschaftliche Forschungstätigkeit Danylenkos, die an der Universität Charkiw am Lehrstuhl für Politische Soziologie lehrt.

Anhand von in Interviews gewonnenen quantitativen und qualitativen Daten nähert sich Danylenko der Entstehung neuer Identitäten in verschiedenen Regionen der Ukraine an. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf die Rolle von Geschichte als Grundlage der Entstehung von Identitäten. Ihre Forschungsergebnisse bestätigen die interne Spaltung des Landes. So glauben die Interviewten im Osten, dass sich eine Hinwendung zu Russland positiv auf ihr Land auswirken würde. Die Gesprächspartner im Westen der Ukraine dagegen wünschen sich eine Einbindung in die westlichen Bündnisse, insbesondere die NATO. Die Bewohner der geographischen Mitte des Landes schließlich wollen ein von jedweden Bündnissen unabhängiges Land. Als besonders problematisch stellte Danylenko in diesem Zusammenhang die auf der Krim vorherrschende antiwestliche Haltung heraus. Mittlerweile würde dort die Überzahl der russischen Muttersprachler die wenigen ukrainischen Muttersprachler diskriminieren.