„Knochengerippe ohne Fleisch“ – hat mal jemand geschrieben und meinte damit Chile. Sabine Porn diskutierte am 29. Juni 2008 im Rahmen der Botschaftermatinée in der DGAP mit S. E. Alvaro Manuel Rojas Marín, Botschafter der Republik Chile, Prof. Stefan Rinke, Historiker am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und Prof. Dr. Alfonso de Toro von dem Fachbereich der Romanischen Literaturwissenschaften und Kulturstudien an der Universität Leipzig, über die geographischen und geschichtlichen Besonderheiten des Landes.
Zu Beginn sprach S. E. Alvaro Manuel Rojas Marín über die Besonderheiten der diplomatischen Karriere in Chile. Selbst vormals Tierarzt und Landwirtschaftsminister, stellt der Botschafter als Quereinsteiger keine Seltenheit in Chile dar: Ein Fünftel der Diplomaten kommen aus der Politik. Dazu sind intellektuelle Schriftsteller ebenfalls in der Politik verankert - sie bilden die Stimme der Nation.
Neben den geographischen Besonderheiten - das Land misst 4.300 Kilometer in der Länge und kaum 170 Kilometer in der Breite mit Landschaften aus Wüsten, fruchtbare Tälern und ewiges Eis - drehte sich die Diskussion vor allem um die geschichtlichen Besonderheiten. Durch die schmale Form des Landes stieß die Conquista an ihre Grenzen und verwandelte Chile bis ins 18. Jahrhundert hinein in eine Region des ständigen Krieges. Das Volk definierte sich als eine kriegerische Nation. Es brauchte viel Geld und Menschen um diese Grenzen zu halten, was die Mentalität der Chilenen nachhaltig geprägt hatte.
Erst seit den 1960er Jahren verschob Chile seinen Fokus mehr und mehr ins Ausland - war es doch vorher fast komplett von der Weltwirtschaft isoliert gewesen. In den 1990er Jahren folgte ein enormer Wandel einhergehend mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes. In der Gegenwart boomt Chiles Wirtschaft, wobei S. E. Alvaro Manuel Rojas Marín anmahnt, dass der Sozialbereich einerseits weiterhin verbesserungsbedürftig sei, es aber andererseits weniger Arbeitslose und eine stabilere Regierung gäbe.
Nach Pinochets Tod und dem Ende seiner 17jährigen Diktatur steht nun seit März 2006 mit Michelle Bachelet eine Frau an der Spitze des Staates, was als eine Herausforderung für eine konservative Gesellschaft gesehen werden könnte. Im Laufe der Diskussion wurde aber klargestellt, dass es sich bei dem Bild der schwachen Frau um einen Mythos handelt. Chilenische Frauen haben schon immer gearbeitet: Es brauchte zwei Gehälter um die Familie zu ernähren. Auch wenn das Wahlrecht und die Emanzipation in Chile am spätesten in Lateinamerika eingeführt wurde, hat es schon sehr früh die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung gegeben. Die Rolle des Mannes dagegen ist gerade im Wandel begriffen, in einer Gesellschaft, die sich zwischen Moderne und Tradition befindet.
Diese Sendung der Botschaftermatinée wird am Sonntag, den 29. Juni 2008 um 11:22 Uhr bei Inforadio 93,1 zu hören sein.
Weitere Informationen unter: www.inforadio.de
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