Die Insellage trennt Großbritannien vom europäischen Festland, aber nicht nur geografisch weist das Vereinigte Königreich einige Besonderheiten auf. Die lange Tradition der parlamentarischen Demokratie, das Bekenntnis zum liberalen Wirtschaftssystem und ein gewisser Pragmatismus galten lange als britische Tugenden und prägten Eindruck von Großbritannien in Europa. Hat sich an diesem Bild etwas geändert? Wie reagiert das Land auf gesellschaftliche und politische Veränderungen, wie der zunehmenden Einwanderung, vornehmlich aus Südasien und Osteuropa oder der aktuellen Finanzkrise?
Das waren die Themen über die der Botschafter von Großbritannien, S.E. Michael Anthony Arthur, zusammen mit Prof. Dr. Manfred Görtemaker vom Historischen Institut der Universität Potsdam und Prof. Dr. Jürgen Schläger, ehemaliger Leiter des Großbritannienzentrums der Humboldt Universität Berlin, am 23. Oktober diskutierten. Die Gesprächsrunde fand im Rahmen der Sendung „Botschaftermatinée“ statt, die einmal monatlich vom Inforadio Berlin-Brandenburg in den Räumen der DGAP aufgezeichnet wird.
Seitdem Großbritannien 1973 der Europäischen Union beigetreten ist, sei das alte Vorurteil, man fühle sich mit Europa nicht verbunden, überholt, so Botschafter Arthur. Auch Görtemaker kann eine verstärkte Annäherung des Inselstaates an den Kontinent feststellen. Gerade die jüngsten Entwicklungen in der Finanzkrise hätten gezeigt, dass die Briten gesamteuropäische Strategien verfolgen. Der Maßnahmenkatalog zur Rettung des britischen Finanzsystems brachte Premierminister Gordon Brown von seinen europäischen Amtskollegen viel Lob ein. „Wir dürfen die Briten nicht an die Seite der USA treiben und müssen sie wieder mehr ins europäische Boot holen“, sagte Görtemaker. Dass die britische Regierung dabei den Staatseinfluss vergrößern will und somit erstmals von der nationalen Tradition des Neoliberalismus abweicht, sei für viele auf dem europäischen Festland überraschend gewesen.
Der 60 Millionen Einwohner-Staat gilt besonders für die Bewohner alter britischer Kolonien, zum Beispiel aus Indien oder der Karibik, als beliebtes Einwanderungsland. Dies habe die Kultur des Landes sehr bereichert. „Großbritannien ist ein multi-kultureller Schmelztiegel.“, sagte Schläger. Dennoch stelle die Einwanderung, die in den letzten 20 Jahren durch den wirtschaftlichen Aufschwung zugenommen hat, eine Herausforderung dar. Anders als in Deutschland würden die Einwanderer aber die Sprache viel schneller beherrschen. Botschafter Arthur verwies auf die Erfolge der britischen Integrationspolitik. So liege zum Beispiel der Anteil der Menschen mit indischer Herkunft bei 2% an der Gesamtbevölkerung. Doch dieser kleine Anteil sei für 5% der Wirtschaftsleistung Großbritanniens verantwortlich. Auf die Terroranschläge in London im Jahr 2005 reagierte die Labour-Regierung mit strikten Sicherheitsgesetzen. So gebe es zum Beispiel in keinem anderen Land so viele Überwachungskameras, so Schläger. Doch der Pragmatismus der Briten lässt sie diese Einschränkungen zum Wohle der allgemeinen Sicherheit hinnehmen.
Seit Januar 2007 zeichnet Inforadio Berlin-Brandenburg in den Räumen der DGAP die Sendung „Weltsichten. Inforadio ganz international – Die Botschaftermatinee“ auf. Alle vier Wochen begrüßt Gastgeberin Sabine Porn den deutschsprachigen Botschafter eines Landes sowie zwei weitere Gäste und führt Gespräche über Land und Leute, Politik, Kultur und Geschichte.
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