Wie sieht die russische Regierung die Krise im Kaukasus? Welche Vorstellungen haben Präsident Medwedew und Premier Putin von der künftigen Rolle Russlands in der Welt? Und was kann der Westen tun, um eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern? 40 Experten aus unterschiedlichen Ländern waren vom 8. bis 13. September in Russland unterwegs, um diesen Fragen nachzugehen. In einer Podiumsdiskussion am 15. September informierten die Teilnehmer über die Ergebnisse ihrer Gespräche.
Die russische Regierung sei „frustriert über die Reaktion des Westens,“ sagte Dmitrij Tultschinski, Berliner Korrespondent der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. In westlichen Medien werde Russlands Vorgehen einseitig als „imperialer Instinkt“ verurteilt und Georgien als Opfer dargestellt. Dies entspreche nicht den Tatsachen. Die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens sei eine Reaktion Russlands auf die Pläne des Westens, Georgien und die Ukraine in die NATO aufzunehmen, fasste Michael Stürmer die Ansicht Putins und Medwedews zusammen. So stecke etwa der „Membership Action Plan“ der NATO für die Ukraine den Russen „wie eine Gräte im Hals.“ „Die russische Führung hat klar gemacht: Wenn die NATO diesen Weg weiter geht, bedeutet das eine schwere Krise bis hin zum Krieg,“ sagte der Chefkorrespondent der Tageszeitung „Die Welt“. Dies habe Präsident Medwedew im Gespräch betont und sogar gesagt: Auch wenn Georgien beim Ausbruch des Konflikts Mitglied der NATO gewesen wäre, hätte Moskau den Befehl zum militärischen Eingriff im Südossetien-Konflikt gegeben. Nach Ansicht von Alexander Rahr sei eine Eskalation von Moskau jedoch nicht erwünscht – im Gegenteil. „Russland will keinen Kalten Krieg,“ betonte der DGAP-Experte. „Moskaus Konzept ist: Wir machen jetzt einen Punkt hinter die Geschichte und ‚Business as usual“. Medwedew wolle die Konfrontation so schnell wie möglich beenden, um sich der Modernisierung Russlands zu widmen. Was den künftigen Status von Abchasien und Südossetien anbetrifft, sei der Beitritt der beiden Provinzen zur GUS oder zum Unionsstaat „Russland/Weißrussland“ geplant, um ihre Legitimierung als eigenständige Staaten voranzutreiben. Die jetzige Situation soll aber erhalten blieben. Mit Blick auf die Diskussion um die künftige Energieversorgung plane Moskau zudem, im kaspischen Raum eine „Gas-OPEC“ zu installieren. Darüber hinaus sei eine verstärkte Zusammenarbeit mit Asien geplant. „Putin hat gesagt: Derzeit verlegen wir Leitungen für Öl und Gas in Richtung Fernost.“ Der verschärfte Ton in der Rhetorik sollte jedoch nicht überbewertet werden, so Rahr. Äußerungen wie diese seien Drohgebärden, die gegen die NATO-Osterweiterung zielten. Moskau werde die Tagung der NATO-Außenminister im Dezember abwarten und dann erst entscheiden, wie weiter verfahren wird. Nach Meinung von „Welt“-Korrespondent Michael Stürmer haben die Europäer kaum Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Statt auf Political Correctness zu pochen, sollte die EU daher die eingeschränkte Souveränität akzeptieren. „Wir kommen an einer stillen Akzeptanz der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens nicht vorbei. Frieden in Europa gibt es nur, wenn wir Russland einbeziehen.“
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